Unterwegs mit Sextant und Chronometer: Fuerteventura 2016

Navigieren wie im 18. Jahrhundert: Vom Münchner Osten nach Fuerte ...


Vorbereitungen für eine Fuerteventura-Reise ...

Messen am geodätischen Referenzpunkt ...Es ist wieder mal so weit: Schon seit vielen Jahren besuchen wir zumeist im Februar immer wieder das Wrack der American Star, und so soll es auch dieses Jahr geschehen im Februar 2016 ...

Wie bereits im einleitenden Bericht zum Karton-Sextanten erwähnt, wollen wir bei dieser Reise unter anderem auch ein kleines Experiment in Sachen Navigation machen - ein echtes Gegenstück zu immer ausgefeilteren und abgehobeneren GPS- und Navi-Lösungen. Was also haben wir vor?

Zunächst wollen wir bei einem nahen geodätischen Referenzpunkt zu Mittag nach "wahrer Ortszeit (WOZ)" oder auch "wahrer Sonnenzeit" eine Uhr auf 12:00 Uhr stellen, die wir als Ersatz für den damaligen Schiffs-Chronometer mit nach Fuerteventura nehmen. Was wir ebenfalls mitnehmen, ist unser Wissen um die geografische Länge genau dieses Messpunktes.

An der Playa des Garcey auf Fuerteventura wollen wir später ebenfalls am Mittag nach WOZ mit unserem mitgebrachten Karton-Sextanten die Sonnenhöhe messen und daraus die geografische Breite unseres Standortes in der Bucht bestimmen. Durch Uhrenvergleich mit unserem mitgebrachten "Chronometer" können wir schließlich auch die geografische Länge dieses Ortes und so unsere Position ermitteln.

Schließlich wollen wir zum Abschluss der Aktion natürlich unsere so berechnete Position mit dem GPS überprüfen und feststellen, um welche Größenordnung wir bei dieser historischen Vorgehensweise falsch liegen. Also insgesamt ein Versuch auf den Spuren des legendären Captain Cook, der so Ende des 18. Jahrhunderts bei seiner zweiten Weltreise zu dem Ergebnis kam, dass das Jahrhunderte alte Problem der Messung der geografischen Länge damit als gelöst galt.

Der "wahre Mittag" ist gefragt ... Moderne Zeiten: Mit dem Sextanten am geodätischen Referenzpunkt ... ;-))

Gesagt, getan: Am Tag vor unserem Abflug geht es also zunächst zum bereits bekannten geodätischen Referenzpunkt in Ebersberg: Zum Zeitpunkt des höchsten Sonnenstands, natürlich bestätigt mit unserem Sextanten (), schauen wir auf unsere Uhren: Es ist der 19.02.16 und 12:26 Uhr Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Zu diesem Zeitpunkt stellen wir unsere zusätzlich mitgebrachte Uhr, den "Chronometer", auf 12:00 Uhr und haben damit den "wahren Mittag" gemäß WOZ eingefangen. Wie wir der Infoplatte am geodätischen Referenzpunkt entnehmen können, befinden wir uns hier auf 11° 57,6139´ östl. Länge. Diesen Wert notieren wir und werden ihn zusammen mit unserem "Chronometer" am Folgetag mit nach Fuerteventura nehmen, wo wir in den nächsten Tagen mit diesen Informationen weiterarbeiten wollen.

Insel-Messungen ...

Wir sind wieder angekommen auf der Insel: Freund Pedro wird eingewiesen in den Umgang mit dem Sextanten, schließlich muss auf unseren Fotos wenigstens einer als Captain Cook herhalten ...

Captain Cook bei der Einarbeitung ... ... und sein Gehilfe bei der Messung ... ;-))

Es vergehen 6 Tage, bis wir schließlich auf Fuerteventura an der Playa de Garcey stehen: Das Explorer Team fährt am heutigen Donnerstag, den 25.02.16, erstmals auf einer derart guten Piste zur einsamen Bucht, wie wir sie in all den vergangenen Jahren noch niemals angetroffen haben. Gleich an zwei Baumaschinen müssen wir dabei vorbei, die heute hier tätig sind. Nach einer Walze folgt viel später erst kurz vor der Bucht noch eine weitere riesige Maschine, an der wir nur mit Mühe vorbei kommen, da dieses Gerät nicht einmal über Rückspiegel verfügt: Äußerst ungewöhnlich!

Außer unserem Sextanten und dem "Chronometer" haben wir noch eine selbstkonstruierte "Sonnenuhr" dabei, die mit einem Kompass Richtung Süden ausgerichtet wird und über einen schmalen Schlitz verfügt, der mit seinem Lichtstrahl zusätzlich den genauen "wahren Mittag" anzeigen helfen soll. Kein Mensch ist außer uns in der einsamen Bucht, als es schließlich so weit ist: Gegen 13:09 Uhr UTC, die hier bei einem Zeitunterschied von einer Stunde zu Deutschland gilt, steht die Sonne am höchsten. Mit dem Sextanten wird nun eine Höhe von 51° 55´gemessen und unser mitgebrachter "Chronometer" zeigt 13:44 Uhr an - nun haben wir alle Daten, die wir brauchen ...

Neuer geodäischer Referenzpunkt auf Fuerteventura ..? ;-)) Noch zeigt der Sonnenstrahl keinen "wahren Mittag" an ... Uhrenvergleich: UTC hier, WOZ dort ... Wo auf der Welt mögen wir wohl sein ..?

Zunächst berechnen wir die geografische Breite: Die gemessenen 51° 55´ entsprechen 51,917° Nord. Die Sonnendeklination für den Kalendertag 25.02. können wir einer Tabelle oder dem Sonnenauf-/-untergangsrechner des Explorer Magazins entnehmen und beträgt heute -9,87°. Mit unserer bereits erwähnten Formel können wir nun rechnen: 90° - 51,917° - 9,87° = 28,213° Nord.

Danach folgt die geografische Länge: Die vom "Chronometer" angezeigte Uhrzeit 13:44 hat im Vergleich zu den  "mitgenommenen" 12:00 Uhr eine Differenz von +1 Std 44 Minuten. Da +1 Stunde einer Entfernung von 15° Richtung Westen entspricht, ergeben 1 Std. 44 Minuten insgesamt 26,0° Richung Westen. Wenn wir diese +26° zu unseren vom Messpunkt Ebersberg "mitgebrachten" -11° 57,6139´ addieren, kommen wir auf eine Länge von 14,04° W.

Inseleffekt: Kleiner Fehler - große Wirkung!Unsere mit historischen Methoden gewonnene Position lautet somit also N 28,213° W 014,04°. Ein Blick auf das GPS zeigt nun dagegen die "richtige" Position: N 28,345° W 014,178°. Mit den Formeln, die wir bei unseren GPS-Basics genannt haben, könnten wir jetzt unseren Messfehler bestimmen, aber stattdessen zeigen wir die Positionen der Einfachheit halber in unseren Karten an und ermitteln daraus die Fehler mit einem GPS-System (siehe Bild rechts): Die geografische Breite liegt demnach um rund 14,7 km daneben, die geografische Länge um 13,6 km - in Hinblick auf die historischen Verfahren und die einfachen Mittel eigentlich geradezu sensationell genaue Werte, mit denen man bis ins 18. Jahrhundert hinein große Erfolge hätte feiern können.

Wie unsere Fuerte-Karte zeigt, liegt der von uns so genannte "Sextant"-Punkt damit tatsächlich in rund 20 km Entfernung südöstlich von unserer Bucht. Und wie die Besonderheit der Form Fuerteventuras zeigt, damit leider zufällig fast an der gegenüber liegenden Küste - wie laut hätte Captain Cook wohl geflucht, wenn er trotz des geringen Messfehlers dann doch noch viele Kilometer bei der Umrundung der Südküste der Insel bis zur Playa de Garcey hätte fahren müssen ..?

Und wieder mal Merkwürdigkeiten ...

Scherzhaft wird noch gesagt, dass wir mit dieser Methode nun wohl nachgewiesen hätten, dass die Insel in Wirklichkeit ganz woanders liegt als man bisher behauptet und dass man uns nun wohl jagen wird, um zu verhindern, dass diese Tatsache bekannt wird. Das Lachen ist noch nicht ganz verstummt, als plötzlich ein weißer Geländewagen die steile Piste in unsere Bucht herunter fährt: Offensichtlich die ersten Menschen, die wir heute hier zu sehen bekommen - aber sind das wirklich Touristen ..?

Autobahnbau zur Playa de Garcey ..?

Unerwarteter Besuch (1): Unser Mann vom Medio Ambiente ... Mit dem Dienstwagen kilometerweit zum "wahren" Umweltschutz ...

Schnell wird klar, dass dies kein Tourist ist, der aus dem Wagen steigt und auf uns zukommt. An seinem Fahrzeug steht groß zu lesen: "Ministerio de Medio Ambiente, Demarcación de Costas de Canarias" - ein Mitarbeiter der "guten alten" Umweltbehörde, die sich auch mit der Küstenvermessung beschäftigt und auf die wir hier bei deren grandiosen Umweltschutzbemühungen seit ganz frühen Zeiten immer und immer wieder treffen. Ganz zu Anfang waren es unsere Drachen, die störten, und nach etlichen späteren Begegnungen sind es diesmal wieder wir selbst: Der Mann, der natürlich nur Spanisch spricht, erklärt uns, dass wir nur oben mit dem Auto stehen dürften (er weist auf die Abbruchkante mit einem der berühmten weißen Vermessungs-Stumpfkegel hin, mit denen wir uns bereits früher ausgiebig beschäftigt haben). Hier unten in der Bucht dürften wir jedenfalls nicht mit dem Fahrzeug stehen. Wenn die Guardia Civil käme, müssten wir eine Strafe zahlen ...

Wir können kaum glauben, was uns Pedro genau übersetzt: Ist dieser Mann etwa zufällig extra die etlichen Kilometer bis in die einsame Bucht gefahren, nur um uns einzigen Menschen weit und breit zu erklären, dass wir hier nicht stehen dürfen - oder hat der uns etwa hier und heute ganz gezielt gesucht? Und sollte etwa auch an diesen abgelegenen Punkt der Insel gleich die Guardia Civil kommen? Über die nun großartig aufbereitete Piste ..?

Noch ganz entfernt: Das Militär in Küstennähe ... Interessierte Beobachter einer Messtour ...

Unerwarteter Besuch (2): Wann wird die Playa de Garcey endgültig in Besitz genommen ..?

Wir verabschieden den mysteriösen Mann, nur um kurz darauf von oben aus eine weitere merkwürdige Entdeckung zu machen: Wir beobachten mit unserem Teleobjektiv im entfernten Militärgelände zwei Personen, die wiederum uns aus der Ferne beobachten und kurz darauf in unsere Richtung marschieren. Was hat das nun wieder zu bedeuten? Man hatte vor kurzem lesen können, dass das Militär inzwischen auch das ganze Gebiet bis zur Playa de Garcey beansprucht und die zuständige Inselbehörde angeblich dagegen sei - danach hatten wir nichts mehr davon gehört oder gelesen.

Die beiden Bewaffneten gehen in geringer Entfernung vorbei, als wir uns entschließen, den gastlichen Ort zu verlassen: Die Messungen sind im Kasten, die üblichen Fotos der Wrackreste der American Star ebenfalls und auch unser "Tribute" für die Facebook-Gruppe der S.S. Australis Passagiere und Crewmitglieder ist erbracht - was wollen wir hier und heute noch mehr ..? Und: Sollen die doch ruhig rätseln, was wir hier genau gemacht und gemessen haben ..! 


Anm. der Red.: Für das Verständnis für die hier geschilderten Messungen und Zusammenhänge haben wir wie bereits erwähnt den Sonnenauf-/-untergangsrechner des Explorer Magazins inzwischen um verschiedene Informationen erweitert: So wird nun zusätzlich bei jeder Abfrage einer Koordinate die dort aktuelle "Wahre Ortszeit (WOZ)" bzw. "Wahre Sonnenzeit" bezogen auf die entsprechende Zeitzone angezeigt. Außerdem wird angegeben, um welche Uhrzeit an der angegebenen Koordinate "Wahrer Mittag" = 12:00 Uhr WOZ ist. Zusätzliche Angaben zum aktuellen Stand der Sonne erfolgen ebenfalls: Die Sonnenhöhe wird errechnet wie auch deren Deklination am betreffenden Tag und der Azimut, eine Begriffserklärung erfolgt bei der Anzeige.


© 2016 J. de Haas