Das Deutsche Schiffahrtsmuseum Bremerhaven -

 Mekka der Kartonmodellbauer Europas 


Die jährlichen internationalen Treffen der Kartonmodellbauer im Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven (DSM) sind ein Höhepunkt für die vom "Virus Kartonicus" Infizierten: Von Freitag, den 01.05. bis Sonntag, den 03.05.2015, findet in Bremerhaven zum 27. Male das internationale Kartonmodellbauertreffen statt.

Immer von Freitag bis Sonntag treffen sich dort seit über 25 Jahren die Kartonmodell Enthusiasten Europas. Die Teilnehmer kommen aus den Niederlanden, Belgien, Schweden, Polen oder England, um nur einige Länder zu nennen. Man nimmt weite, ja zum Teil sehr weite Wege in Kauf, um sich alle Jahre wieder hier zu treffen.

Hermann Marwede, Passat Verlag 1:250. Meisterhaft in Szene gesetzt in einer Riesenwelle. Hier muß man ganz genau hinsehen: Original oder Modell??Bisher fand diese Veranstaltung immer am letzten Wochenende im April statt. Diesen Termin hält man sich frei, da darf dann aber auch gar nichts dazwischen kommen.

Der Hauptgrund, warum so viele Modellbauer sich im DSM treffen, ist die Möglichkeit, sich auszutauschen mit anderen Modellbauern und auch mit Konstrukteuren und Verlegern. Es wird ein Vortragsprogramm angeboten, das von den Modellbauern durchgeführt wird und wenn man möchte, kann man es nutzen.

 Darüber hinaus gibt es keine Tagesordnung: Hauptzweck ist die zwanglose Begegnung der Modellbauer untereinander sowie der interessierten Zuschauer.

Ein großer Anziehungspunkt ist natürlich immer wieder die Präsentation der mitgebrachten Modelle. Auch schaut man gerne den vor Ort bauenden Teilnehmern über die Schulter. So mancher Besucher hat hier auch schon sein altes Hobby neu entdeckt. Man hört zwei Sätze besonders häufig: "Das habe ich früher auch gemacht" und "Ich wußte gar nicht, dass es das heute noch gibt". Dann folgt der Satz: "Ist das wirklich alles aus Papier ..??"

Verlage nutzen dieses Treffen, um neue Modelle vorzustellen und im Gespräch mit den Modellbauern zu erkunden, was gewünscht wird. Man hat hier auch schon manchen neuen Konstrukteur angeworben.

Der Veranstaltungsort läßt vermuten, dass sich da alles um Schiffe dreht - aber das ist bei weitem nicht so. Vertreten ist dort alles, was man aus Karton bauen kann: Das geht vom Traktor über die Dreschmaschine bis zu allen anderen Arten von Fahrzeugen, Gebäuden oder Flugzeugen - Schiffe gehören natürlich ebenso dazu. Zugegeben - es sind meistens ganz schön viele ...

Bismarck, 1:100 skaliert. Im Jahr 2012 ein herausragendes Modell, eines der größten jemals in Bremerhaven gezeigten. Nochmals Bismarck: Der Erbauer hat es nach dem Vorbild des legendären Kaiser Modells sehr aufwändig recherchiert und gebaut. Bismarck-Details: Meisterhaft umgesetztes Modell. Der Erbauer hat das Schlachtschiff schon mehrfach gebaut und arbeitet zurzeit an einem Modell in 1:87!
Titanic, Fly Modell 1:200. Für mich das am besten recherchierte und gebaute Titanic Modell, das ich bisher gesehen habe. Hier auf dem Foto noch nicht ganz fertig. Peter der Große: Russischer atomgetriebener Raketenkreuzer, 1:200 Oriel Verlag. Ein sehr detailliertes Modell. Toll gebaut mit einer Vielzahl von Ätzteilen und zusätzlichen Detaillierungen. Bruno Apitz, 1:250 MDK Verlag. Eine recht einfache Vorlage umgesetzt in ein Spitzenmodell.

Wie kam es nun aber zu dieser Veranstaltung?

Dafür müssen wir in das Jahr 1989 zurückgehen: Das DSM in Bremerhaven produzierte für den Museumsshop in eigener Regie Kartonmodelle als günstiges Mitbringsel für Museumsbesucher. Zweck war, das Thema Schiff "begreifbar" im wahrsten Sinne des Wortes zu machen. Um nun diese Modelle einmal einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, plante der Museumspädagoge Dr. Siegfried Stölting eine Sonderausstellung. Um ein breiteres Spektrum zeigen zu können, wurden über eine regionale Zeitung per Annonce daraufhin Modellbauer gesucht, die für die Ausstellung Modelle zur Verfügung stellen wollten.

Zu dieser Zeit suchte auch ich für meine Modelle die Möglichkeit, sie einmal irgendwo zu zeigen. Bis dahin war ich der Meinung, weit und breit der Einzige zu sein, der dieses seltsame Hobby, Schiffe aus Papier zu bauen, betreibt.

Nordic, 1:250 HMV Verlag. Einer der modernsten Schlepper, meisterhaft gebaut. Das Modell wurde parallel zum Originalschiff entwickelt.Weil ich immer vom Potenzial des Kartonmodellbaus überzeugt war, hatte ich angefangen, kleine Artikel für Modellbauzeitschriften zu schreiben, um so den Kartonmodellbau in den Köpfen der Leser am Leben zu erhalten oder vielleicht auch den einen oder anderen zu bewegen, es ebenfalls einmal zu probieren, ein Modell aus Karton zu bauen.

Bei einem Museumsbesuch im DSM - ich hatte mich mit Fotos meiner Modelle bewaffnet -, fragte ich an der Kasse, ob nicht das Interesse bestehe, einmal Kartonmodelle zu zeigen. Von der Anzeige in der Zeitung wusste ich zu dieser Zeit noch nichts. Ich wurde dann an den Dr. Stölting verwiesen, der mein Angebot gerne annahm. So ca. zwanzig von meinen Modellen wurden daraufhin für die Ausstellung ausgewählt.

Parallel zur Ausstellung wurde ein Modellbauwettbewerb ausgeschrieben, beides unter dem Motto "Schiffe aus Papier", unter dem gleichen Titel erschien auch eine begleitende Publikation, an der ebenfalls Modellbauer mitgewirkt hatten. Das Heft ist meines Wissens auch heute noch im Museum zu haben ...

Die Anzahl der Besucher und das überaus große Interesse an der Ausstellung übertraf damals alle Erwartungen. Einen Monat nach Eröffnung der Ausstellung wurden die teilnehmenden Modellbauer von Dr. Stölting zu einem zwanglosen Treffen eingeladen: Man wollte die Ausstellung und die Resonanz darauf noch einmal Revue passieren lassen.

All die Jahre hatten wir Kartonmodellbauer still vor uns hin gebastelt in Unkenntnis davon, dass es noch andere gibt, die dieses Hobby teilen. Und auf einmal kam die Erkenntnis , dass man doch nicht der Einzige war, der dieses Hobby ausübte. Die meisten von uns hatten in den 50er und 60er Jahren damit angefangen. In den 70ern wurde es dann schon schwieriger an neue Modelle zu kommen, es gab in Deutschland nur noch zwei Verlage, die Kartonmodelle produzierten - vorwiegend wurden alte Modelle neu aufgelegt. Der Plastikmodellbau gewann an Boden und verdrängte die Kartonmodelle aus den Läden. Außerdem war damit wahrscheinlich mehr Geld zu verdienen.

Historisches Diorama, 1:87. Krantor mit Segler, mit sehr viel Liebe zum Detail umgesetzt. Diorama: Würzburg Riese, 1:35. Funktionsfähig gebaut bewegt es sich vorbildgerecht. Phantom Jet - Trägerflugzeug in 1:33 von GPM Frühwarnflugzeug Hawkeye, GPM Verlag 1:33. In diesem Maßstab richtig groß, ein Hingucker.

Der Tag des ersten Treffens verging viel zu schnell, er war angefüllt mit vielen anregenden Gesprächen. Endlich konnte man mit Gleichgesinnten Tipps austauschen oder schauen, es der andere macht. Sehr schnell war man sich auch einig: "Das machen wir nächstes Jahr wieder." Der Nachholbedarf an Kommunikation bei den Modellbauern war groß!

Anfangs noch als Kartonmodellbauertreffen bezeichnet, wurde relativ schnell das "Internationale Kartonmodellbauertreffen" daraus. Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen europäischen Ländern, ihre Zahl lag in all den Jahren konstant über zweihundert.

Bruno Apitz Detailansicht. Hier sieht man die sehr saubere Bauausführung sowie die Gebrauchsspuren, die nachträglich angebracht wurden.Dazu kommen dann jedoch immer noch viele Besucher, die sich extra zu diesen Terminen ins Museum aufmachen, nur um sich die vielen mitgebrachten Modelle anzusehen. Viele, die da ihr altes Hobby wiederentdeckten, wurden dann später auch zu Teilnehmern an der Veranstaltung.

Das Treffen im DSM ist heute längst nicht mehr das Einzige, das sich mit dem Thema Kartonmodellbau befasst. Im Laufe der Jahre gründeten sich Foren zum Thema Kartonmodellbau. Auch fanden Treffen in vielen Regionen auch in der Schweiz und in Österreich statt. Man rief Stammtische ins Leben, aber das Interesse an den Treffen im DSM hat in der ganzen Zeit nicht nachgelassen.

Die Ausstellung "Schiffe aus Papier" wanderte in den Folgejahren mit großem Erfolg durch 17 deutsche und niederländische Museen. Der ersten Ausstellung folgten weitere, teilweise kombiniert mit Wettbewerben. Im Jahr 2005 wurde im DSM die bisher letzte Austtellung zum Thema Kartonmodellbau gezeigt. Es war die bisher aufwändigste, sehr professionell vorbereitet und präsentiert, mit ausgewählten Ausstellungsstücken.

Begleitend erschien im Verlag Hausschild ein Buch zum Thema, wieder unter Mitwirkung der Modellbauer. Danach gab es noch eine Ausstellung in Stade im Schwedenspeicher unter dem Titel "Faszination Topmodels" - ein absichtlich provokanter Titel, sie lief ebenfalls mit großem Erfolg.

Dr. Stölting hat mit seinem Engagement für den Kartonmodellbau meiner Meinung nach unser Hobby vor dem endgültigen Niedergang bewahrt. Er hat es aus der "Spielecke" herausgeholt, so dass dieser Modellbauzweig jetzt gleichberechtigt neben anderen Modellbauaktivitäten bestehen kann. Man kann mit Kartonmodellen sogar an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Heute ist das Angebot an Kartonmodellen groß wie nie zuvor. Man kann lange nicht mehr alles bauen, was der Markt hergibt und muss nicht auf Modelle aus dem Ausland ausweichen. Neue Verlage haben sich etabliert und es gibt Kleinserienhersteller, die die Wünsche der Modellbauer bedienen.

All das wäre ohne die Aktivitäten, die im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven auf Initiative von Dr. Stölting ihren Anfang hatten, sicher nicht eingetreten.

Nachtjagdleitschiff Togo, 1:250 CFM Verlag. Meisterhaft gebaut, eines der Top Modelle des Verlages. Historischer Segler, Detailausschnitt Krantor Diorama. Man beachte die Mannschaft, ebenfalls aus Karton, und die sehr gute Detaillierung des Modells. U-Boot Diorama, 1:35. Gebaut aus teilweise skalierten Vorlagen und eigenen zusätzlich konstruierten Details. Sehr lebendig gestaltet mit echtem Schweißerlichtblitzen. Saugbagger Willem van Oranje, 1:250 Scaldis Verlag. Eine Konstruktion von JSC, lässt sich in drei Versionen bauen. Insgesamt ein sehr gut detailliertes Modell von einem recht neuen Schiff.

Nachdem Dr. Stölting überraschend aus dem Museum ausschied, wusste man eine Weile nicht, wie es weitergehen sollte. Das Museum tat von sich aus nichts, um weiter als Veranstalter aufzutreten. Man wollte aber auch nicht dieses Treffen, das sich in all den Jahren fest etabliert hatte, so sang- und klanglos untergehen lassen. Und so taten sich dann ein Forum und der Arbeitskreis "Geschichte des Kartonmodellbaus" zusammen, der übrigens auch auf den Treffen geboren wurde, und beide haben ab dem 24. Treffen die Veranstaltungen organisiert. Man hat dabei am Ablauf, der sich ja in all den Jahren bestens bewährt hatte, nichts geändert.

Und so kam es schließlich, dass im nächsten Jahr nun bereits das 27. Kartonmodellbauertreffen in Bremerhaven stattfindet.
Damit man sich ein Bild machen kann von der Vielfalt der Modelle, die man dort betrachten kann, zeigt mein Beitrag einige Fotos aus den Jahren 2012 und 2013, die zumindest einen kleinen Überblick über das Geschehen in Bremerhaven geben können ... 


© 2014 Text / Bilder Günter Plath    


Weitere Beiträge vom "Altmeister" gefällig?

Von unserem Autor Günter Plath gibt es noch weitere Beiträge zum "neuen alten Thema" Kartonmodellbau, das künftig auch bei uns einen deutlich erweiterten Umfang haben wird: