Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

   Mauretanien 2005:

Chinguetti - die Rose der Sahara ...


Über 32 Breitengrade ...

Seit einigen Monaten arbeite ich an meinem Auto, einem Opel Frontera Sport - es werden alle sicherheitsrelevanten Bauteile überprüft, erneuert oder sogar verdoppelt - um dann eine extreme Reise zu unternehmen: Wir wollen nach Mauretanien fahren - in Urlaub ...

Jährlich werden zur Rallye Paris Dakar die schönsten Bilder der West Sahara allabendlich in unsere Wohnzimmer übertragen. Eines Tages schaute mich meine Frau an und sagte wegen der aufregenden Landschaftsbilder: Da sollte man mal hinfahren!

Es ist natürlich nicht unsere erste Reise in die Sahara - ich möchte auch niemand animieren, leichtsinnig zu sein, denn ganz alleine ohne Begleitfahrzeug kann so eine Reise auch einen fatalen Ausgang haben. Unser Auto und auch wir sind gerüstet für den sehr langen Trip - in nur knapp 6 Wochen wollen ihn durchführen. Wenn man normal arbeitet, ist einfach nicht mehr Zeit drin, oder man muss es ganz lassen.

Ende September 2005 fahre ich los, meine Frau werde ich in Malaga am Flughafen treffen, durch die Hin- und Rückflüge kann sie eine Woche Zeit einsparen. Die Route bietet keine große Wahl: Es wird der "kürzeste" Weg gewählt, der uns dann allerdings über 32 Breiten- und 27 Längengrade führen wird. Der Wendekreis des Krebses wird überschritten und am Ende der Reise werden über 1.600 Liter Treibstoff, ein Liter Öl und fast 15.000 km auf dem Kilometerzähler zu Buche schlagen ... 

Unser Motto lautet: "Der Weg ist das Ziel". Sicher hat man eine Vorstellung, was man sehen will, ob allerdings alles in Erfüllung geht, ist eine andere Frage und steht noch in den Sternen. Die Araber würden sagen: Insch Allah! (so Gott will) ...

Warum Mauretanien?

Durch meine langjährige frühere Tätigkeit habe ich im Exportgeschäft bereits fast alle arabischen Länder bereist, wobei die Neugier in Bezug auf diese Reisen auch schon vorher da war: So hatten mich Reisen in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre mit dem Land Rover bereits mehrmals nach Ägypten geführt. Inzwischen habe ich bis auf den Oman und Mauretanien alle arabischen Länder bereist - was lag also näher, als diesmal Mauretanien als Reiseziel auszuwählen?

Mauretanien ist ein hundertprozentig islamischer Staat, der bis vor wenigen Jahren für Individualreisende fast nicht zu bereisen war. Streitpunkt war immer die Westsahara, die zwischen Marokko und Mauretanien liegt und die von Spanien beansprucht wurde. Grund genug für die Polisario, in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen Spanien seinerzeit ganze Teile des Landes zu verminen. Zum Glück hat Spanien jedoch seine Ansprüche abgetreten: Die Westsahara gehört politisch jetzt zu Marokko und deshalb haben sich die Grenzen vor vier Jahren überraschend geöffnet. Der Grenzkorridor zu Mauretanien ist aber nach wie vor vermint und wird streng kontrolliert ...

Unsere Reise führt durch Spanien vorbei an riesigen Orangenhainen und Gemüseplantagen bis zum südlichsten und windigsten Punkt des Landes - nach Tarifa. Mit der Schnellfähre erreicht man nach etwa 45 Minuten Tanger in Marokko und steht auf dem afrikanischen Kontinent mit all seiner Faszination.

Grenzkontrollen werden nicht unbedingt zügig, aber sehr eifrig von uniformierten Zöllnern und so genannten "Helfern" durchgeführt, die deren Arbeit gegen ein großzügiges Bakschisch übernehmen. Unnötige Hektik wird erzeugt, weil irgendwer (ohne Uniform) die Papiere an sich nimmt und verschwindet. Im allgemeinen Chaos erscheint der "Helfer" und übergibt sehr theatralisch die Papiere, wofür er die Hand für ein paar Euroscheine aufhält ...

Dann steht man mitten drin, im Stadtgewühl von Tanger. Zum Glück können wir uns durch unseren letzten Besuch vor vier Jahren noch gut orientieren und finden auch gleich den Weg aus der Stadt - Richtung Süden. Sehr erstaunt sind wir über die augenscheinlichen Veränderungen, zum einen ist es das erhöhte Verkehrsaufkommen durch Neufahrzeuge, zum zweiten die vielen neuen Wohnhäuser, Hotels und Industrieanlagen, die sich fast bis zum Flughafen fünfzehn Kilometer vor die Stadt gruppieren. Zwischenzeitlich ist auch die Autobahn von Tanger bis Casablanca fertig gestellt und erlaubt ein schnelleres Vorankommen, wenn man nicht wegen Fußgängern abbremsen muss, die gerade die Fahrbahn überqueren. Auch Radfahrer, Eselskarren und polizeiliche Kontrollen sind als weitere Hindernisse keine Seltenheit.

Wir wollen uns aber langsam wieder auf das Land und die Menschen einstellen und wählen deshalb den landschaftlich schöneren Weg entlang des atlantischen Ozeans. Unsere erste Übernachtung in Marokko werden wir in El Jadida (die Schöne) auf dem Campingplatz verbringen. Für diese Reise bevorzugen wir wieder das Dachzelt auf unserem Autodach: Das hat den Vorteil, weit oben überall sicher schlafen zu können. Ausgeruht geht es weiter durch Marokko und die Westsahara, die nur auf einer einzigen Straße zu durchfahren ist ... 

Nach dreizehn Tagen

Endlich in Mauretanien! Die Städte Nouadhibou und Nouakchott am Atlantik sind Schwarzafrika, wie man es sich vorstellt, die Menschen sind dunkelhäutig und sehen weniger arabisch aus, sie sprechen eine Mischung aus Französisch und Hassani - was dem arabischen ähnelt. 

Über eine neue geteerte Landstraße fahren wir bei bis zu 45°C Außentemperatur weite Strecken hinein ins Landesinnere. Anderen Fahrzeugen begegnen wir fast nicht. Unsere Ziele sind die ehemaligen Handelsplätze der Kamelkarawanen Atar und die Oase Chinguetti, "die Rose der Wüste", wie die Bewohner ihre Oase selbst nennen ...

Chinguetti ist eine der sieben heiligen Städte des Islam und erste Universität Afrikas, sie hatte ihre Blütezeit im 13. Jahrhundert n. Chr. Der heutige Besucher kommt zunächst nur über eine zweihundert Kilometer lange Sandpiste mit atemberaubenden Bergpässen nach Chinguetti. Durch einen Führer erfahren wir, dass die Stadt aus drei unterschiedlich alten Stadtteilen besteht - so gibt es den ganz alten Teil von 770 n. Chr., der vollkommen unter hohen Sanddünen begraben liegt und auf seine Ausgrabung noch wartet. Der zweite Teil ist aus dem Jahr 1230 und wurde mit Hilfe der UNESCO bis 2003 fast vollständig wieder ausgegraben. Der dritte Teil schließlich ist neu und ohne geschichtliche Bedeutung. 

Vom neuen Stadtteil aus fährt man über ein breites, mit Sand gefülltes Wadi (oder Oued, wie man hier sagt, ein ausgetrocknetes Flussbett) hinüber in die historische Altstadt: Der Sand liegt teilweise noch meterhoch in den Straßen der nur zum Teil bewohnten Stadt. Einige Straßen sind so schmal, dass ein Auto nicht durchfahren kann, deshalb wenden wir an geeigneter Stelle und fahren zurück zum Wadi. Eine Art Marktplatz mit einem bunt bemalten "Restaurant Mondial", welches aus allen Häusern deutlich hervorsticht, lockt uns an. 

Schon bei unserer Einreise in Tanger wurden wir damit begrüßt, dass heute der Ramadan beginnt! Praktisch bedeutet das, dass Moslems tagsüber fasten - auch Trinken und Rauchen gehört dazu. Uns Ungläubigen gibt man allerdings einen Tee, der auf die traditionelle Art hergestellt wird: Schwarzer Tee wird aufgebrüht und mit sehr viel Zucker gesüßt. Dann wird der Teekessel mit frischer Minze aufgefüllt. Nach dem Ziehen wird der Tee im hohen Bogen mindestens 10-mal ins Glas und wieder zurückgeschüttet. So wird der Tee mit viel Sauerstoff angereichert, was den Geschmack verbessert. Diese braune Brühe hat es in sich, man fühlt sich nach dem Genuss der üblichen drei Gläschen wie beschwipst. Aus diesem Grund nennen ihn die Einheimischen auch Whisky Mauretania, richtig heißt er Nana ...

In der Bibliothek ...

Schnell hat sich herumgesprochen, dass wieder Fremde im Ort sind: Kinder und junge verschleierte Frauen, die Souvenirs feilbieten, gesellen sich geschäftstüchtig zu uns. Ein kleines Geschenk wird immer erwartet, so wechseln T-Shirt, Mützen und für die Kleinen bunte Farbstifte den Besitzer. Ein Mann bietet sich als Führer durch die mittelalterliche Universität an und will uns die alte Bibliothek zeigen: "Im Moment geht es allerdings noch nicht, da der Bibliothekar gleichzeitig der Muezzin ist und wir ihm gerade beim Mittagsgebet vom Minarett zuhören können"! 

Anschließend folgen wir dem Führer zur alten Moschee und werden dort freundlich begrüßt. Die Türe aus dem Mittelalter hat sogar noch ein Schloss aus alten Tagen, der Schlüssel dazu sieht aus wie eine überdimensionale Zahnbürste mit Stahlborsten und wird seitlich in den Holzriegel gesteckt, der die beiden Türflügel verschließt. Mit Rütteln und Schütteln greifen die Metallzapfen des Schlüssels in die Passungen des Schlosses und der Riegel lässt sich öffnen. 

In einem Raum steht allerlei Sammelsurium, das irgendwie herumliegt. In einem anderen Raum stehen jede Menge Bücher, darunter auch alte. Dann überqueren wir den Moscheehof und meine Frau soll ebenfalls einen Schlüssel - jetzt an der anderen Tür - probieren, auf Anhieb öffnet sich der Sesam und wir stehen in der "Alten Bibliothek". 

Bereitwillig bekommen wir die in Leder gebundenen Originalschriften nebst Schreibutensilien gezeigt: Da gibt es ein Tintenfässchen aus Metall, in dem die Tinten Schwarz, Blau, Rot und Gold verwendet wurden, der Muezzin öffnet seine Bücher und lässt uns ohne Blitz fotografieren, mir stockt fast der Atem! Er zeigt uns Originalaufzeichnungen aus dem 13. Jhd. mit astrologischen, astronomischen und mathematischen Berechnungen sowie Kalligraphie, farbig geschriebene Lyrik ... 

Der Muezzin bemerkt, dass ich noch etwas arabisch sprechen kann und erklärt mir das alles auf Arabisch - was die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Er sagt, dass die alten Schriften heute noch jeder lesen kann, weil es keine Veränderung der Schrift gab, nicht so wie bei unseren Schreibreformen. Es ist aufregend und heiß, ich schwitze beim fotografieren. 

Weiter erfahren wir, dass viele der Handelsbücher noch erhalten sind, aus denen hervorgeht, dass sich hier einst Karawanen mit bis zu 30.000 Kamelen versammelten und Handelsgüter tauschten. So erhielt man Salz und tauschte Gummi arabica oder Tuch, Gewürze und Dinge des täglichen Lebens. Mit den Karawanen kamen aber auch Gelehrte, die Wissen und Weisheit verbreiteten und somit wurde hier schließlich die erste Universität in Afrika gegründet (Zum Vergleich: Unsere Uni in Würzburg wurde erst im Jahre 1402 gegründet) ...

Es war unser größter Wunsch gewesen, diese Bibliothek hier mitten in der Sahara mit eigenen Augen zu sehen, für uns ging er in Erfüllung und deswegen sind wir heute sehr zufrieden. Unser einheimischer Führer will uns noch etwas Gutes tun und lädt uns in eine etwa 4 km entfernte Oase zum Tee ein. Wir haben nichts Besseres vor und lassen uns auf die Einladung ein, im weichen Treibsand des Oued folgen wir dem Flusslauf, bis irgendwann die Oase auftaucht. 

Wir folgen dem Führer, der erst noch zwei Freunde begrüßt und uns vorstellt. Er kommt auch gleich zur Sache und holt Wasser aus dem Ziehbrunnen, aus einem Versteck bringt er eine kleine Feuerschale, einen Teekessel, schwarzen Tee, Zucker und ein paar kleine Teegläser- die Minze pflückt er direkt in der Oase. Wie bei der vorher beschriebenen Teezeremonie trinke ich wieder das Konzentrat. Wir genießen zwischenzeitlich die unendliche Ruhe ohne jegliche Geräusche um uns und die etwas niedrigeren Temperaturen im Vergleich zu draußen. 

Der ältere Mann in der Oase kniet nieder zum Sallah (Gebet) und lässt sich durch unsere Anwesenheit nicht beeinflussen. Ich spüre jetzt deutlich, wie mir der Tee zu Kopf steigt. Unser Führer will uns noch überreden, auf eine hohe Düne zu klettern und den Sonnenuntergang zu genießen. Ich bin aber zu matt und habe keine Lust mehr, irgendetwas zu unternehmen, also fahren wir zurück in die neue Stadt. Wir stoßen auf ein neues Hotel, das noch nicht bewohnt ist; das Dienstpersonal lässt uns im Hof unser Camp für die Nacht aufstellen. Später werden die Tore geschlossen und wir stehen allein im großen Vorhof. Bei sternenklarer Nacht diskutieren wir noch über dieses Erlebnis, bevor wir in unserem 1000 Sterne Hotel auf dem Autodach einschlafen: Ein Traum aus 1001 Nacht wurde wahr. Insch Allah ..!


© Text/Bilder 2007 Walter Troll

    

Mitteilung an das Explorer Team