Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

Marokko 2008

Toubkal oder nicht Toubkal ...


Der Djebel Toubkal ist mit 4.168 Metern der höchste Berg Marokkos und nach dem Kilimanscharo der zweithöchste von Afrika. Daher kann ihn die Autorin eines Reiseführers nicht ganz ignorieren, wenn auch leider noch keine Straße hinaufführt. Und wenn das auch noch nicht alle Kollegen tun, so sollte man doch mal selbst hoch klettern, anstatt sich durch eine Internetrecherche zu informieren ...

 Tja, aber schaffe ich das? Im Auto kann ich bestimmt schon mehr als 100.000 Afrikakilometer aufweisen, aber meine Trekkingerfahrung ist eher bescheiden: Man könnte auch sagen "zero". Ob ich das Vorhaben überhaupt schaffe? Fast im Rentenalter und als Großmutter beschränkt sich meine sportliche Tätigkeit aufs Sportstudio, das ich allzu oft ausfallen lasse.

Der erste Weg zur Vorbereitung führt in den Globetrotterladen, aber nach Lesen der Preisschilder und eingehender Beratung krame ich die alten Dockers aus und kaufe nur ein paar Trekkingsocken. Natürlich muss auch entsprechendes Bergtraining sein, das ich in Form von zwei Jazzwanderungen über die Taunushöhen absolviere. Ob 400 oder 4.000 Meter, da fehlt nur eine Null. Damit das Training etwas erleichtert wird, gibt es dabei alle zwei Kilometer einen Weinstand und eine Jazzkapelle. Ob ich das auf dem Toubkal auch so erleben werde ..?

Am 23.09. komme ich also in Imlil an, eine perfekte Jahreszeit. Imlil ist die Ausgangsbasis für Wanderungen rund um den Toubkal: Hier ist das Büro der lizenzierten Führer und hier gibt es Unterkünfte. 

Noch bis vor 2, 3 Jahren war es für Bergwanderer klar, dass die Unterkunft eine zünftige Berghütte sein muss, im Schlafsaal und mit kalten Duschen. Das konnte und kann man für 4 Euro pro Nase bekommen. Aber auch bis Imlil wirkt sich das Tourismuskonzept des Königs aus, der bis zum Jahr 2010 jährlich 10 Millionen Touristen ins Land und anständig unterbringen möchte. Und auch die suchen mehr und mehr den Komfort. 

So gibt es also kaum noch Billigunterkünfte, jeder rüstet zum Zimmer mit eigenem Bad auf. Zwei tolle neue Hotels mit ähnlichen Namen, aber doch ganz unterschiedlich, sind entstanden. Riad Imlil, direkt im Dorf, aus massigen Bergsteinen gebaut, wirkt wie eine trutzige Burg: Die Zimmer sind klein, aber gediegen eingerichtet, mit Klimaanlage (wird aber eher zum Heizen gebraucht) und Badewanne. Der Preis von 60 Euro für zwei Personen ist angemessen.

 Ganz anders Dar Imlil: Es liegt am Ortsrand im Grünen, die Bauweise ist aufgelockerter, die Zimmer sind größer. Es gibt drei Kategorien, die sich in der Größe unterscheiden und 130, 150 und 200 Euro kosten, jeweils für zwei Personen mit Frühstück. 

Die Suiten haben Sitzecke, Balkon mit herrlicher Aussicht, Bad mit Badewanne, als Zugabe Stereoanlage, Fön, Safe und Kühlschrank. Der Clou aber ist ein Tablett mit allem, was man zur Zubereitung von Tee und Kaffee nötig hat sowie eine Djellabah und einen warmen Umhang für die Damen. Der Kontrast zu den einfachen Menschen auf der Straße ist stark, dennoch muss das nichts heißen. Ich lerne einige Hotelbesitzer kennen, die nicht viel besser gekleidet als die Tagelöhner erscheinen. Hier geht es nach dem Sein, nicht nach dem Schein ...

Am Nachmittag sammle ich noch ein paar Ratschläge bei anderen Trekkern. Höhenkrankheit: Mhm. Woher soll ich wissen, ob mich die befallen wird? Ich habe weder Schlafsack noch einen richtigen Rucksack, also wird das Übernachtgepäck in eine Plastiktüte gepackt. Meine netten Führer versehen mich mit allem nötigen.

Am Morgen soll es um 9 Uhr los gehen: Finde ich viel zu spät. Also wird mein Führer herbei telefoniert und wir starten um 8:10 Uhr, das Maultier mit dem Gepäck kommt später nach, es ist ja viel schneller. Zunächst geht es über den Berg nach Arumd, wer dort wohnt hat 40 Minuten gespart. Hinter Arumd geht es bis zum Ende des steiniges Flusstales, dort steigt der noch steinigere Fußpfad an ...

Der Toubkal lacht uns mit frisch gefallenem Schnee an, die Sonne strahlt am blauen Himmel. Der Weg ist nicht zu verfehlen, hier ist weder GPS noch Führer notwendig. Stellenweise herrscht ein Verkehr wie auf der Autobahn zu Ferienbeginn. Ich freue mich über jede am GPS abgelesene 100 Meter Höhe, die ich geschafft habe. Zu Beginn fand ich die Geschwindigkeit zum Einschlafen und wäre alleine schneller gewesen, aber mein Führer bremst mich. Gut, er ist der Profi. Während ich sonst beim Treppensteigen schnaufe wie eine Lokomotive, geht er so langsam, dass ich kaum zum Schnaufen komme. Und zwischendrin öfter mal eine Minute Pause ...

Immer wieder überholen uns die "4x4 Berbère", die schwer bepackten Maultiere. Wenn auch zur Navigation bis zur Hütte kein Führer gebraucht wird, ist es doch sehr angenehm, kein oder nur leichtes Gepäck tragen zu müssen.

Wir sind am Marabut Chamharouch auf 2.300 m: Auf der ganzen Strecke sind keine Dörfer, aber hier am Marabut sind Verkaufsstände für Souvenirs, Essen und Getränke. Und wer von bösen Geistern besessen ist, bekommt Hilfe vom Marabut. War auch bis hierher der steinige Anstieg nicht ohne (für mich Großmutter), so spüre ich nun doch die Höhe, mein Herz klopft wie wild. Aber Lahcen, der erfahrene Führer passt genau auf, dass ich mich nicht überanstrenge ...   

    
Wir passieren die "Kaskaden", viele kleine Bergbäche, die den steilen Hang herunter brausen. Überhaupt verläuft die ganze Strecke entlang eines tosenden Wasserlaufs, von Stille ist hier nichts zu spüren. Tief unten weitet sich das Tal zu einer relativ ebenen Fläche, hier ist Halbzeit, hier machen die Gruppen Mittagspause. Der Clou ist eine Zweipersonengruppe der Kasbah Toubkal, für die unter dem Tisch mit zwei Stühlen sogar ein roter Teppich ausgelegt wurde. Fünf Helfer wieseln um die beiden Bergsteiger herum, die irgendwie nicht sachgemäß gekleidet erscheinen. Für diesen Luxustrek zahlt man dann gerne 800 Euro. Für mich dagegen gibt es nur einen Steinbrocken ohne Teppich und ein belegtes Brot. Für meinen Führer gar nichts, denn es ist Ramadan ...

Weiter geht's, etwas weniger steil nun. Und dann endlich, in der Ferne, die Refuge! Seit Sommer 2007 gibt es sogar zwei davon, das Material für das große, massive Haus musste komplett auf Maultieren herbei geschleppt werden, abzüglich der Steine natürlich, davon gibt es reichlich.

Ich beziehe mein Zimmer: Doch halt, so kann man das nicht sagen, es ist lediglich ein Bett im Schlafsaal, das erste, so dass wenigstens an dieser Seite kein Nachbar ist. Männlein und Weiblein werden hier ebenso gemixt wie bei den Sanitäranlagen. Na, das wird ja was werden! Alles in allem sind in den zwei Refuges und den unzähligen Zelten wohl 200 Bergsteiger im Basislager. Nicht jeder will am Morgen auf den Toubkal, einige ruhen sich nach dem Abstieg am Vortag aus, einige sind auf einem längeren Trek und wollen noch weiter.

Schweigen wir über die Nacht, ihre Geräusche und Gerüche. Frühstück um 4:30, Aufbruch 5 Uhr! So kalt ist es gar nicht, aber mein Führer versorgt mich Trekkingfremde mit Mütze, Handschuhen und Extra-Pullover, auf dem Gipfel ist es eisig kalt und windig. In stockfinsterer Nacht geht es los, immer dicht hinter dem Führer, zunächst wird auf Felsbrocken eine tosende Klamm überquert, das dauert etwas, bis alle drüben sind. 

Wir klettern nun auf Felsbrocken immer den steilen Hang hinauf, von unten sieht es aus wie eine Ameisenstraße, die sich langsam im Zickzack hinauf quält, beleuchtet jeweils von einer Stirnlampe. Einige nuckeln an einer Sauerstoffflasche, aber an Sauerstoff fehlt es mir weniger. Ich freue mich über jede 100 Höhenmeter auf dem GPS, es sind 1.000 Meter bis zum Gipfel, den wir noch nicht sehen können. Endlich geht hinter den Bergen die Sonne auf und ich kann meine Umgebung erkennen: Ein Geröllhang, von schöner Berglandschaft keine Spur ...

Und da ungefähr passiert es: Nicht die Luft geht mir aus, sondern die Energie, der Wille anzukommen. Was soll ich hier? Warum klettern hier alle in äußerster Anstrengung in diesen Steinen herum? Was könnte es dort oben schon geben, das diese Mühe wert ist? Nach 500 Höhenmetern, also der halben Strecke, beschließe ich umzukehren. 

Es kommt noch hinzu, dass das Wetter schlechter wird, einige feine Schneeflocken fallen. Also nichts wie hinunter, zum Glück bin ich ja allein mit meinem Führer und muss auf keine Gruppe Rücksicht nehmen. Zwei Deutsche, mit denen ich mich bereits am Abend unterhalten hatte, kommen mir entgegen und wollen mich zum Weitergehen animieren, aber nein danke! Beim Abstieg sehen wir dann entfernt noch zwei Wanderer, die alleine ohne Führer losgezogen sind und es auch versäumt haben, einfach hinter einer Gruppe herzulaufen. Sie sind völlig vom Wege abgekommen und werden durch uns auf den richtigen Pfad geleitet.

In der Refuge gibt es dann eine Pause mit zweitem Frühstück und abwärts geht es munter wie eine Gazelle. Absteigen kann ich doch, macht mir doch nichts. Aber auf halbem Wege werde ich langsamer und langsamer, als in der Tiefe der Marabut lockt, will ich nur noch den erreichen und eine lange Pause machen. Die Beine tun weh, knicken fast ein bei jedem Schritt.

Nach dem Marabut beginnt es zu regnen: Das macht meiner guten North Face Jacke jedoch weniger aus als der Schweiß, von innen war ich auf der ganzen Tour nass. Und endlich, endlich sehe ich die ersten Häuser von Arumd, hat das Telefon wieder Empfang, kann ich Freunden telefonisch mein Leid klagen. In Arumd will ich nur noch ausruhen, aber unerbittlich schleppt mich mein Führer weiter, womit er sicher recht hatte. Und als 800 m vor der Auberge ein Auto hält, lehne ich es ab, mitgenommen zu werden, so viel Stolz ist noch übrig ...

Und dann sitzen. Ach wie schön. Schuhe aus, Tee trinken und ruhen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich es schaffe, die Treppe hinauf zur herrlich heißen Dusche zu gehen, die ich endlos über mich laufen lasse. Was tun mir die Knie weh, was habe ich mir da angetan. Nie wieder!

Als ich dann geduscht und ausgeruht im Restaurant aufs Abendessen warte, kommen die zwei Sachsen angekrochen, die mich unbedingt zum Weitergehen animieren wollten. Sie murmeln vor sich hin: Aua, meine Beine, aua meine Knie, was tut das so weh. Und als sie mich bemerken meinen sie nur, wären sie doch auch vorher umgekehrt ...


© 2008 Edith Kohlbach

       

Anm. der Red.: Mehr zu Edith Kohlbachs Reisen mit dem Auto oder auch Flugzeug: