Part 4 - Ugly Mountains

Donnerstag morgen: Die Sonne ging pünktlich kurz nach sechs Uhr Ortszeit direkt über der großen Düne hinter uns auf. Es wurde schnell warm und die Fliegen, wie man sie kennt und liebt, waren sofort an unserer Seite und leisteten uns Gesellschaft. Wie schon im letzten Bild zu erkennen, leisteten wir uns ein opulentes Frühstück. Wir brühten frischen Espresso, den wir in kalter Milch zu einem Milchkaffee vereinten, rösteten Speck in der Pfanne, um dann mit den verbliebenen frischen Eiern ein Omelette zu zaubern. Verbliebene? Ja - einige waren während der holprigen Fahrt im Karton zerstört und wir hatten die Freude, unsere Transportkiste erstmal gründlich zu reinigen. Zum Rührei gab es Toast, Nutella, Joghurt und Wurst. Alles, was man sich für einen Start in den Tag wünscht ...

Unser Weg heute sollte uns bis zu den schwarzen Bergen vor Mhamid führen ... zumindest sahen sie auf dem Satfoto schwarz aus. Wir planten also, etwas Strecke gut zu machen und mehr als 100 km zu schaffen. Die Landschaften, die uns heute erwarteten, waren sehr abwechslungsreich, teilweise beeindruckend, teilweise die Definition des Wortes "öde". Angefangen von weißen Flussbetten (trocken), über weitere Sandfelder, bis hin zu Ebenen, so groß und weit wie eine Million Fußballfelder. Hier möchte ich Bilder sprechen lassen und fasse mich im Vortext etwas kürzer. Wir kamen auf jeden Fall auf unsere Offroad-Kosten. Und zwischen Wellblech-, Stein- und Rennpiste war wirklich alles mit dabei. Wenn man mehr Zeit als wir hätte, könnte man hier unten, kurz vor der algerischen Grenze, sicher viel erleben, entdecken und erkunden. Denn so schmal der Korridor vorher auf der Landkarte aussah, so groß und weit war er dann doch in Wirklichkeit. Das Gelände lädt geradezu dazu ein, immer wieder die Hauptpiste zu verlassen und eigene Wege zu gehen. Auch wir taten dies des öfteren: Teilweise auch, weil die Piste einfach mal verschwand ...

Etwa 20 km vor den schwarzen Bergen, in denen wir unser Nachtlager planten, kam der erste Kontrollpunkt des Militärs: Eine kleine "Burg" und ein Seil mit hängendem "Stop" informierten über den nötigen Halt. Die Beamten waren äußerst freundlich, neugierig und interessiert. Hier geht man davon aus, dass der Reisende bereits vorweg ausgefüllte Fiches besitzt. Wir plauderten kurz und amüsierten uns über Patricks fehlendes vorderes Nummernschild. Trotz fester Schraubbefestigung hatten die Pisten ihren Tribut gefordert und das Schild war einfach weg.

Gut gelaunt düsten wir weiter und machten 200 m hinter der Kontrolle am Fuße des dortigen Hügels eine kurze Rast. Patricks Stoßdämpfer zickten rum, bei einem war die Hülse im Auge komplett aufgebogen und verursachte unangenehme Geräusche. Zu uns gesellten sich zwei süße Hunde, die zumindest solange süß waren, bis ich einen Bissen Wurst in den Mund steckte. Danach mutierte der eine zum Hund von Baskerville und wir entschieden uns für einen sofortigen Aufbruch, um etwas Abstand zu gewinnen ...

Also beendeten wir die Stoßdämpferreparatur einen Kilometer weiter in der Ebene. Die Sonne brannte schon wirklich dolle, aber unterm Auto ist es ja kühl. An dieser Stelle fiel uns auf, dass wir entgegen der Angaben im Reiseführer die einzigen Touris mit Auto hier waren. Uns kam niemand entgegen oder fuhr in unsere Richtung. Wir waren die ganze Zeit allein unterwegs. Auch nicht schlecht. Hatten wir eine Saisonpause erwischt? Schon auf der Fähre waren außer zwei MAN Crews keine Offroader mit uns unterwegs. Seltsam. Fährt man nach Tunesien, ist das Schiff voll von allen möglichen 4x4-Enthusiasten ...

Bald änderte sich das Terrain: Mehr und mehr Geröll lag herum und vor uns die schwarzen Berge, auf die wir so gespannt waren. Nun, es waren Berge ganz aus Geröll. Sie waren unglaublich hässlich und wir tauften sie die Berge der Hässlichkeit. Die Piste bestand nunmehr aus einer Rinne mit scharfkantigen Steinen, einem aberwitzigen Untergrund mit steilem Aufstieg in eben jene Berge. Wir dachten uns, dass so etwas eigentlich nur ein Scherz sein kann. Aber auf unseren Tickets stand nicht Vier-Sterne-Deluxe, sondern Abenteuer-Offroad. Wir mussten da also drüber und durch. Doch die technische Pein der Fahrzeuge wurde belohnt: Oben angekommen eröffnete sich ein atemberaubender Blick über die nächste Ebene. Ein riesiges Delta unter uns ...

Wir durchquerten es und kamen zum zweiten Aufstieg, der dem ersten in nichts nachstand. Nachdem wir auch die zweite Gipfelkette überwunden hatten, ging es der Natur folgend erneut bergab und direkt unten am Fuße wartete auch schon die nächste Militärkontrolle auf uns. Gleiche Lässigkeit wie bei der ersten: Extrem entspannte Menschen, die uns noch viel Spaß wünschten.

Es war spät geworden und wir wollten heute mal rechtzeitig ein Nachtlager finden. Im Tal angekommen, baute sich vor uns ein mächtiger Tafelberg auf. Ein dicker Whopper mittendrin. Ich erspähte am Fuße des Berges Sand, tat es aber gleich als unsinnig ab, da wir dort weithin sichtbar gewesen wären. Doch über Funk meldete sich das verschollene Mitglied von Jacques Cousteaus Expeditionsteam und offenbarte mir den wunderbaren Satz "Wo Sand ist, sind auch Dünen. Zumindest kleine".
Irritiert und arrogant siegessicher, das wäre hier aber nicht so, versuchte ich diese Feststellung bereits im Vorfeld zu negieren, erklärte mich aber dennoch damit einverstanden, es empirisch zu beweisen, indem wir den Sandhang am Fuße des Tafelberges anfuhren. Nun, Dr. Lilian Cousteau (Patrick) hatte Recht: Je näher wir dem Berg kamen, und es war wirklich ein Brocken mit schlecht schätzbarer Entfernung, desto deutlicher wurden kleine Dünenstrukturen am Fuße. Letztendlich fanden wir sogar einen Kessel, der beide Fahrzeug fast komplett vor den Blicken anderer verbergen konnte. Wir hatten den perfekten Rastplatz für die Nacht gefunden. Und im Vergleich zum Berg waren wir so klein, uns würde niemand zufällig entdecken können ...

Wir machten uns nackig und duschten mit Mineralwasser aus der Flasche. Und zwar mit dem sprudelnden, was sich als besonderer Kick erweisen sollte. Danach wurde gekocht. Keine 15 Minuten später kamen über die Dünen zwei einheimische Mädels gelaufen, um uns zu beäugen: Sie setzten sich auf eine Düne, beobachteten uns und spannen Garn. Wir winkten, sie winkten, dann wurde es dunkel und sie gingen wieder.

Wir erinnerten uns an das lokale Gesetz: Egal wie gut du dich versteckst, 10 Minuten später ist jemand da und beäugt dich ...

Wir beendeten diesen Tag mit dem Beglotzen des nächtlichen Sternenhimmels, der sich heute besonders eindrucksvoll präsentierte. Auf Feuer verzichteten wir, um nicht etwaige neugierige Nachtgestalten anzulocken. Ein guter Tag: Ungefähr 160 km gefahren und kurz vor Tagounite, unserem nächsten Tankstopp auf fester Straße, bevor es bei Mhamid in den zweiten Offroad Teil gehen würde.


© 2011 Andreas Pflug