4. Tag

Es ist lustig, wie wir mitten im geschäftlichen Treiben von Essaouira auf dem Parkplatz unsere Morgentoilette verrichten: Nicht dass diese Art der Übernachtung zur Gewohnheit werden soll, dafür vermissen wir Grillengezirpe und Meeresrauschen viel zu sehr. Aber so war´s auch okay. Den deftigen Geschmack von knofel-marinierten Oliven mit Kaffee runtergespült - wir waren am Abend noch in der Medina essen -, Auto startklar gemacht, dem Parkfritzen 30 DH für die Nacht gelöhnt, und auf geht´s Richtung Agadir.

Es wird etwas wärmer und auch die Landschaft verändert sich jetzt zunehmend: Arganienbäume wachsen zu Millionen auf den Hängen, und die Straße mäandert doch recht kurvig da hindurch - vom Meer ist erstmals in Marokko nichts mehr zu sehen. Schade, wir haben uns so an diese riesigen, sich wie in Zeitlupe bewegenden Atlantikwellen rechts unten als Dauerpanorama gewöhnt, dass wir sie jetzt vermissen. 

Es gibt aber Abhilfe: Eine Straßenschleife zum Meer nach Imessouane zweigt ab, und nachdem die Berge zurückweichen, präsentiert sich eine fast griechisch anmutende Aussicht auf eine Bucht mit dem weit auseinander gezogenen Dorf und roten "Hippiehütten" am Strand. Ein Surfclub und ein Camp sind auch zugegen, und scheinbar lebt man hier recht friedlich so ein bisschen am Ende der Welt. Peace!

Nach zwei Stunden Pause geht´s weiter, und entgegen der Information des Reiseführers ist auch die Südroute zurück zur Hauptstraße frisch asphaltiert. Den Offroader wird´s ärgern, wir finden es toll!

Die Bucht von Agadir - was soll man darüber noch Worte verlieren? Es sind nicht so viele, außer der Feststellung, dass die Platte bei Tarhazoute tatsächlich geräumt ist und sich als völlig versteppter Landstrich zwischen Meer und Straße entpuppt. Außer Gräsern wächst da nichts mehr, und wen wundert´s, wenn man noch die durch Wohnmobile versiegelte und zugeschissene Landschaft von früher vorm Auge hat?! Allerdings hat sich die absolute Zahl von Wohnmobilisten nicht entsprechend den fehlenden Stellmöglichkeiten reduziert, wie man meinen könnte, sondern nur weiträumiger verteilt. Auf der gesamten Strecke vom Cap Rhir bis Sidi Ifni profitieren nun alle Camps - die wie Pilze aus dem Boden schießen - vom sonnenhungrigen Europäer, der sich nach wie vor teils mehrere Monate hier aufhält. 

Die wilde Camperei scheint man wohl in den Griff zu kriegen, seitdem dort, wo es besonders heikel bezüglich Müll und Fäkalien wurde, Camping-Verbots-Schilder aufgestellt wurden, deren Einhaltung wohl tatsächlich auch überprüft wird.

Das muss nun nicht zwingend ökologisch gesünder sein, denn ich habe Entsorgungsleitungen von CP´s gesehen, die da enden, wo die nächste Flutwelle für saubere Landschaft zumindest hinterm Camp sorgt (so ähnlich funktioniert mancherorts auch die Müllentsorgung, daher die hohen Mauern überall!). Das Thema des mangelnden Umweltbewusstseins könnte unerschöpflich behandelt werden, es fallen einem am Tag Hunderte von Sünden auf, weil wir natürlich entsprechend sensibilisiert sind und reflexartig auf jede fliegende Plastiktüte zeigen. Da kann man nur resigniert den Kopf schütteln und vielleicht eine Generation zurückdenken - auch unsere Eltern haben noch Dinge getan, für die man heute gut und gerne in den Knast wandert ...

Was also bleibt von der Bucht? Für uns nur zweierlei: Einmal in´s Meer springen - was hier auch für den Nicht-Surfer ohne Totenkopf-Schwimmabzeichen gefahrlos möglich ist - und einkaufen im Marjane Supermarkt. Dass es zu letzterem aber erst morgen kommen soll, liegt an der Abzweigung, wo es nach Immouzzer in die Berge hinaufgeht. Eigentlich nicht geplant, doch eine Fahrt durch´s Paradise Valley mit seinen grünen Wassergumpen unter stockwerkhohen Palmen, einem anschließenden Serpentinenanstieg mit Superaussichten und als Abschluss ein Wasserfall in grüner Bergumgebung - das lockt doch sehr nach diesem Agadir-Frust. Unsere Sinne lechzen nach Farbe, Stille und Abgeschiedenheit ...

Und dazu haben wir auf den folgenden Kilometern auch reichlich Gelegenheit: Der Zufall beschert uns mal wieder bombastisches Licht von hinten in´s Tal hinein, da es mittlerweile schon spätnachmittags ist, und zaubert goldenen Glanz in die Landschaft. Ein knallblauer Himmel gesellt sich zum satten Grün der Palmwedel, der Bach plätschert ruhig dahin, und wir sehen keinen Touri, der mit seinem Leihwagengezuckel das Ambiente stören könnte. Hält man an und lässt die Stimmung wirken, kann man sich sehr realistisch die Hippieszene der 60er vorstellen, wie sie hier im Tal den Traum von Freiheit und Liebe lebten. Paradise Valley - der Name war sehr treffend gewählt, und wer das Preveli Tal auf Kreta noch kennt, wie es früher einmal war, hat bis auf die Straße einen ungefähren Vergleich zu diesem hier ...

Erstmalig haben wir es mit doch etwas aufdringlicheren Kindern als bisher zu tun, und das eine oder andere Kräutersträußchen fliegt uns unter eindeutiger Gestik hinterher; der Agadir-Tourismus lässt grüßen. Nach etwa 60 Kilometern von der Küste gerechnet erreichen wir Immouzzer, dann geht es eine einspurige Asphaltpiste steil bergab zum Wasserfall, und wir sehen schon von der letzten Kehre den Berghang, wo er sich eigentlich herabstürzen soll. Entsetzen - das Ding ist furztrocken!

Der obligatorische Parkwächter will trotzdem einen Parkschein verkaufen und beteuert eindringlich, dass schon noch etwas Wasser herunterkomme. Nach einigem Hin und Her mit dem herannahenden Restaurantbesitzer bekommen wir die Erlaubnis, auf dem Parkplatz zu nächtigen, einige sehr schöne Werbekugelschreiber (X-Box-Marketing) wechseln den Besitzer, und nach Sonnenuntergang finden wir uns auf der Restaurantveranda zum Begrüßungstee ein. Die Küche wird für uns noch einmal hochgefahren, denn andere Gäste gibt es um diese Uhrzeit nicht mehr im Tal, und es wird uns eine sehr leckere Ziegentajine serviert, die wir in dieser Abgeschiedenheit nicht erwartet hätten. 

Der Knaller des Tages kommt aber danach: Der Wirt hat auch eine überschaubare Artisanat Sammlung in einer Ecke des Speisesaales ausgestellt - Alabastermasken, Thujaholzschnitzereien, Fossilien, Kristalle, verzierte Spiegel und natürlich - Teppiche. Er möchte einen Tauschhandel mit uns machen, und selbstverständlich haben wir uns auf solche Aktionen gefreut und auch vorbereitet, weil wir unsere Maskensammlung vergrößern wollen und unbedingt eins dieser Blech-Lampengehäuse mit viel Patina und bunten Glaseinsätzen kaufen wollen. Dementsprechend reichhaltig ist unsere mitgeführte Tauschware, die seit Beginn der Reise den halben Stauraum im Auto blockiert: Hauptsächlich Kindersachen und Schuhe in jeder Größe, dazu Stofftierchen und ein wenig Spielzeug. Alles gut erhalten und relativ sauber, aber zuhause wär´s halt in den Container gewandert ...

Womit wir nicht gerechnet haben: Der Wirt will alles, die kompletten Sachen inklusive der Taschen, und besonders die Schuhe scheinen ihm sehr wichtig zu sein (wie er uns erzählt, kann er zwar marokkanische Schuhe kaufen, aber die Dinger halten höchstens vier Wochen, in europäischen Schuhen läuft er vier Jahre herum). Ich denke, dass man mit einem Schwung Herrenschuhe hier ganze Stände leerkaufen könnte, und genau diesen Gedanken werde ich beim nächsten Mal wieder aufgreifen!

Als wir merken, wie wild er auf die Sachen ist, wollen wir ihm natürlich auch noch eine Lampe aus dem Arm leiern: Dumm ist nur, dass er keine schönen Lampen im "Angebot" hat bis auf diejenige, die seine Veranda erleuchtet, auf der wir vorhin noch den Tee getrunken haben; ein wirklich schönes Exemplar in genau der Größe, wie wir es uns vorstellen. Darauf angesprochen fackelt er nicht lange, steigt auf Tisch und Stuhl, zieht an der noch heißen Glühbirne, hängt die Lampe ab, schüttelt und pustet ein paar vertrocknete Insektennester heraus und überreicht sie mir feierlich und zugleich hoffnungsvoll. 

Ich sehe ihm genau an, dass er denkt, wir spinnen oder machen Scherze, und hat offensichtlich Furcht, dass das Geschäft doch noch scheitern könnte. Es war ihm wohl noch nie passiert, dass jemand sich mehr für seine Gaststätteneinrichtung als für seinen Kristallplunder oder seine muffigen Teppiche interessiert. Aber er ist zufrieden, als wir mit Handschlag das Geschäft perfekt machen, greift sich schnell die Taschen und schließt den Laden ab.

Wir kippen an diesem Abend noch einige Pastis´ hinterher, begutachten unsere Schätze und sind auch froh, die ganzen Tauschsachen auf einen Schlag ohne jeden zusätzlichen Dirham los geworden zu sein. Heute hängt bei uns zu Hause eine Lampe mit Geschichte, die uns ewig an Immouzzer und sein Restaurant Le Miel erinnern wird ...

5. Tag

Vor dem Frühstück mache ich noch einen Kontrollgang zu den Cascades, einfach um es mal gesehen zu haben: Es sind nur ein paar Schritte durchs Gehölz und durchs Bachbett, dann stehe ich in der Felskammer, wo das Wasser normalerweise hineinklatscht. Es ist kühl in diesem schattigen Loch, und nur im Sommer würde ich die Idee eines Sprunges in die Gumpe erwägen, deren Tiefe man schlecht abschätzen kann. 

Die Spuren des Wassers im Berg sieht man genau, und ich kann mir den Schleier aus unzähligen Rinnsalen gut vorstellen, wenn es denn mal nach regenreichen Wintern so richtig herabrauscht. Der glatt gelutschte Felshang sieht ähnlich aus wie der auf Korsika, wo die Cascades du Voîle de la Mariée herabstürzen. Jetzt allerdings ist es nur ein armseliges Getröpfel, das mal gerade dazu ausreicht, die leuchtend-grünen Pflanzen zu benetzen, deren Wurzelwerke sich im rötlichen, zernarbten Fels festgekrallt haben ...

Dass es jetzt trotz allem ein Idyll ist, anheimelnd wie eine gerade entdeckte Süßwasserquelle auf einer unbewohnten Insel im Südpazifik, liegt wohl an der himmlischen Ruhe des frühen Morgens. Wenn tagsüber die ersten Busse kommen, ist die Beschaulichkeit vorbei. Indizien gibt es dafür genug, denn auf den letzten Metern vorm Loch baut ein Dorfbursche gerade seinen Plunderstand auf, aber so nah am Steig, dass jeder hier im Stau stehende Touri unweigerlich in Verkaufsgespräche verwickelt wird, ohne reelle Chance, diesen zu entkommen. Eine exzellente Taktik, und auch mir versucht er in dieser frühen Stunde sehr eloquent Dinge zu verkaufen, die er nicht hat ("is´ echte Kristall") und ich nicht will ("leider keine Tauschware mehr, der Patron vom Le Miel hat alles").

Spät vormittags verlassen wir dann das beschauliche Tal und sind sehr zufrieden und froh darüber, diesen Abstecher gemacht zu haben. Er ist wirklich zu empfehlen, und selbst wenn man den gleichen Weg zurück zur Küste fährt, so wie wir es jetzt tun, erlebt man das Paradise-Valley noch einmal von seiner anderen Seite. Das macht durchaus Sinn, denn Licht und Perspektive sind völlig anders als gestern Abend und man sieht auch Dinge, die in der Gegenrichtung verborgen blieben. Wir schieben noch eine Badepause in einer der größeren gestauten Gumpen des Bachs ein, das Wasser ist gar nicht mal so kalt, und gelangen im weiteren Verlauf auf neuem Asphalt von Osten her nach Agadir. Das hat den Vorteil, dass man sich den üblen Anblick des Zementwerkes an der Küstenstraße spart, der einem Agadir schon vermiest, bevor man die Stadt erreicht hat ...

Während wir noch die richtige Ausfallstraße Richtung Süd suchen, fällt uns wieder mal auf, dass die Jungs von der Polizei gern mit Stativ und Messgerät auf dem Mittelstreifen stehen und Temposünder fangen: Es ist auch nicht ganz einfach, auf diesen kilometerlangen, schnurgeraden, flugfeldähnlichen und mehrspurigen Umgehungsstraßen die Tempovorgabe einzuhalten, man fühlt sich als lahme Ente und äußerst düpiert, wenn einem Einheimische mittels Drängelei und anschließender Beschleunigung wie beim Drag-Race die eigene Langsamkeit sehr deutlich machen. Da ist Ruhe gefragt und die Erkenntnis, dass die scheinbar riechen, wo die Kontrollen stattfinden - ich selber sehe die Blauen bei dem Gewimmel auf den Straßen immer erst im letzten Moment. Es ist hier bestimmt die vierte fliegende Kontrolle seit Kenitra, immer im Einzugsgebiet größerer Städte und auf der Autobahn. Und es sollte nicht die letzte sein ...

Das Einkaufen im Marjane wird erledigt, dauert für unser Zeitempfinden viel zu lang, weil unsere Kassiererin das Gesetz der Langsamkeit verinnerlicht hat und zudem drei Stornos baut, und auf den nächsten 50 Kilometern Richtung Tiznit geht´s auch nicht schneller voran. Eine Siedlung jagt die nächste, unzählige schief im Seitenwind eiernde LKW´s mit vielleicht vier Meter hoher Ladung schleichen vor uns her, so dass es zur Geduldsprobe für alle wird. 

Der Tag neigt sich schon wieder dem Ende zu und wir haben kaum etwas geschafft, geschweige denn einen möglichen Knaller des Tages erlebt. Irgendwo auf halber Strecke vor Tiznit, als die Siedlungen und Dörfer rarer werden, platzt mir schließlich der Geduldsfaden und ich verblase ein paar vor mir zuckelnde Peugeots direkt hinter einer Kuppe mit kilometerweitem Blick nach vorn ...

Am Ende der Geraden haben wir dann den Knaller unseres Tages: Rechts am Rand steht ein kleines Auto in Zivil, zwei Uniformierte mit Kelle bauen sich auf der Straße auf und walten ihres Amtes. "Gendarmerie Royale, bonjour monsieur, ca va?" Die Handzeichen sind unmissverständlich. "A droite, s´il vous plaît!" In Windeseile überlege ich meine Vergehen der letzten Kilometer, und da fallen mir gleich drei ein. Es sieht übel für uns aus.

Um es abzukürzen: Der Bulle hat natürlich gesehen, wie ich oben am Hang den Überholvorgang trotz noch geschlossener Linie ansetzte, Geländemarkierungen gibt es genug, und er musste nur noch den weißen Kastenwagen aus dem Verkehr fischen. Es ist zwecklos, da noch groß herum zu debattieren. Macht summa summarum 400 DH inklusive sauber gemalter Rechnung, die uns nochmal eine halbe Stunde kostet. Es gibt Tage, da ist man einfach bedient!

Trotzdem können wir uns nicht beklagen, denn da ich obendrein auch noch viel zu schnell war, hätte man mir direkt noch so ein rosa Ticket an die Backe heften können - wenn die beiden denn eine Radarpistole gehabt hätten ...

Solche Erlebnisse machen die folgende Weiterfahrt natürlich auch nicht schneller, denn der erzieherische Aspekt des Strafzettels kommt voll zum Tragen: Ich fahre wie auf rohen Eiern nach Tiznit hinein, sehr bemüht, der Ordnungsmacht, die auch hier wieder gut gestaffelt steht, keinen weiteren Grund zur Klage zu geben. Ich bin erst wieder ansprechbar, als wir zur Küste nach Mirleft abzweigen, die Straße ist eine untergeordnete und die Polizeipräsenz nimmt rapide ab. 

Ich vermag abschließend nicht zu beurteilen, ob diese Dichte der Kontrollen notwendig oder purer Blödsinn ist, auffällig ist es jedoch, wie längs der N1 südlich von Agadir die Abstände der Gendarmerieposten immer kürzer werden. Meistens werden vollbesetzte Taxis und abenteuerlich beladene Kleinlaster herausgewunken, und wie groß der allgemeine Respekt vor der Uniform ist, erkennt man an abrupten Bremsmanövern auf scheinbar freier Strecke und am vorsichtigen Vorbeischleichen der Vorderleute an der Kontrolle selbst. Fehlt eigentlich nur noch, dass sie sich hinter der nächsten Kuppe in den Dreck schmeißen und Allah für die Gnade des "Passierendürfens" danken. Seit heute bin ich bald auch soweit ...

Im gelben Licht des späten Tages sehen wir den Atlantik wieder, und der Anblick der völlig nackten Berge in dieser Sonnenuntergangsstimmung mit dem träge gewellten Meer stimmt uns versöhnlich. Sukzessive erhöhe ich wieder die Geschwindigkeit, der glatte Asphalt erlaubt es auch, wir schmeißen Flamenco in den CD-Schacht - passend zur spanischen Ex-Enklave Sidi Ifni - und die Kilometer fluppen nur so auf den Tacho. 

Mirleft durchfahren wir, ohne den Flower-Power-Charme des ehemaligen Fischerdorfes zu entdecken, und erreichen dann im letzten Licht den Campingplatz El Barco in Sidi Ifni. Man steht in Reih und Glied oberhalb vom Strand am Fuß der karminroten Felswand, die jetzt zu glühen scheint - als der Sonnenball fast verschwunden ist, leuchtet nur noch die Hotelanlage oben an der Abrisskante in warmem Pastell. Unten am Strand spielen Jugendliche Fußball, die Kleineren jagen Möven und oben auf der Promenade flanieren die Einwohner im Laternenlicht und schauen hinüber nach Amerika. Es wird ein schöner Abend ...


© 2007 Detlef Bauer