Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

Marokko 2005/2006

Zum Jahreswechsel nach Nordafrika


Ein "philosophisches" Vorwort ...

Es gibt immer wieder den Moment, in dem man feststellt: Ja, es hat sich gelohnt, die Entscheidung für die Reise getroffen und die Strapazen, die Langeweile und das Kilometerfressen der Anreise auf sich genommen zu haben. Meist sind es Momente, bei denen man endlich zur Ruhe kommt, oftmals verbunden mit großartiger Aussicht und der nötigen Muße, ein spektakuläres Panorama auf sich wirken lassen zu können.

Ein solcher Moment ist die "Gipfelankunft" auf einer der großen Dünen am Südrand des Erg Chebbi: Während der Puls nur langsam auf Normalwerte fällt, genießt das Auge bereits eine 360°-Ansicht, die überwältigend ist. Cinemascope - vergiss es!

Direkt vor uns liegt Merzouga im Staub, eine lockere und auseinander gezogene Ansammlung von Häusern und Hütten. Teils asphaltierte Straßen, meist sandige Wege, ein Durcheinander von lehmigen Mauern, getünchten Treppen, versteckten Läden, umherwuselnden Kinder und dösenden Alten - hier am Fuß der über 100 Meter hohen Sandberge ist Merzouga das Paradebeispiel einer Siedlung, deren Pulsschlag von der Wüste bestimmt wird. Alles ordnet sich dem Gesetz des Sandes und des Windes unter.

Weiter hinten ist im Halbgegenlicht der Dayet-Sri schemenhaft zu erkennen, ein Zeitsee, der nach regenreichen Wintermonaten flach und breit im Geröll seine Oberfläche kräuselt, die - wenn man Glück hat und zum richtigen Zeitpunkt hier ist - von unzähligen staksigen Flamingobeinen durchschritten wird.

Rissani hinten am Horizont muss man sich denken, die flirrende Luft mit gelben Schwaden aufgewirbelten Sandes verhindert die Fernsicht. Hinter uns, irgendwo in der Dünung des Sand- und Geröllmeeres, das sich da auftut, liegt Algerien. Hier, mit der Sonne im Rücken, werden die Formen schon plastischer und dokumentieren soweit das Auge reicht, eine Dominanz von Sonne, Wind und Sand. Alles andere einschließlich irgendwelcher Lebensformen ist nur marginal vertreten.

Eine Art von Demut überfällt mich hier: Die Erkenntnis, selbst auch nur ein Sandkorn inmitten Trillionen und Aber-Trillionen von Sandkörnern zu sein, dem übergeordneten Großen-Ganzen ausgeliefert und nicht die Dinge bestimmend in der Hand zu haben, wie wir uns das zuhause im Alltag einzubilden glauben - diese Erkenntnis holt einen schnell vom hohen Ross herunter ...

Sichtweise und Blickwinkel auf die banalsten Dinge des Lebens ändern sich so rasch, dass ich behaupten möchte: Eine Woche in der Wüste, und man ist ein anderer Mensch! Die eigene Gedankenwelt bekommt plötzlich ganz neue Impulse, und ganz automatisch stellen sich Fragen - ganz persönliche wie: Was, wenn jetzt das Auto streikt oder die Tochter ernstlich erkrankt? Oder globale, die den latenten Irrsinn dieser Welt vor unser Auge führen: Warum fügt ein Mensch dem anderen täglich und millionenfach Leid zu, wo wir doch alle im selben Boot sitzen? Wo bleibt der Respekt voreinander, den wir alle so nötig hätten ..?

Die Wüste lehrt Respekt, Ehrfurcht und Demut: Dem Einen im religiösen, dem Anderen in weltlichem Sinne, und dem Dritten in naturwissenschaftlicher Hinsicht. Aber sie lehrt, und zwar rasch, effektiv und nachhaltig. Das wurde mir dort oben auf der Düne von Merzouga, nach nur einer Stunde des Gedankenaustauschs mit wem oder was auch immer (ich bin bekennender Atheist!), ziemlich deutlich.

Letztendlich ist es egal, welche Sichtweisen man in diesem Zwiegespräch mit der marokkanischen Wüste überdenkt: Da wird jeder für sich andere Angriffspunkte in der eigenen Gedankenwelt entdecken und solch eine Stunde nutzen, um in sich zu gehen. Interessant ist dabei, dass ich über 3000 Kilometer fahren musste, um in eine solch singuläre Situation zu gelangen. Ein Mönch in seiner Eremitage hat´s da kürzer. 

Wie gesagt, es gibt Momente während einer Reise, in denen man feststellt: Ja, es hat sich gelohnt, nach Marokko aufgebrochen zu sein. Und es war nicht der einzige Moment ...


Die Reise im Überblick


© Text/Bilder 2006 Detlef Bauer

    

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