
Nach dem Hochkurbeln vom Hubdach können wir auf der einen Seite ins Schwimmbad sehen, auf der anderen Seite reicht der Blick bis zum Strand der südlichen Küste Islands mit einem gigantischen Regenbogen verziert - ein schöner Standplatz!
Nach ausgiebigem Schwimmbad-, Dampfbad- und "Hotpot"-Besuch kann noch ein ausgiebiger Spaziergang am Strand folgen, wo wir viele interessante Steine einsammeln: irgendwie muss ja das Gewicht der Bierdosen ausgeglichen werden.
Später treffen wir in der Wohnküche des Campingplatzes einen deutschen Radfahrer, der sein Schiff zu den Westmänner-Inseln verpasst hat, dies aber am nächsten Tag nachholen will. Er erzählt uns seine interessante Geschichte, er, der in früheren Jahren hier auch mit seiner Familie war, nun jedoch zum "einsamen Wolf" mit seinem Fahrrad wurde. Wir wünschen ihm noch eine gute Fahrt.
Abends unter dem Hubdach wird langsam aber sicher bewusst, dass die Reise wohl nicht mehr allzu lange dauern wird, eine gewisse Wehmut macht sich bereits einmal vorsorglich breit ...

Nachdem wir die Kirche verlassen haben, geht es vorbei an einer imposanten Steilküste, die zusammen mit moosbewachsenen Flächen auch hier immer wieder einen atemberaubenden Anblick bietet.
Auf halber Strecke sollte man einen Abstecher zum Geothermalgebiet von Krisuvik nicht versäumen sowie einen Abstecher zum schön gelegenen Kleifarvatn. Da wir dies schon im Vorjahr gemacht haben, unterbleibt diesmal der Abstecher. Da die Gegend nah an Reykjavik liegt, werden wir jedoch hierher auch 16 Monate später zu Silvester 1996 wieder zurückkehren und dann feststellen, dass die Straße 427 bereits geschlossen wurde. Ein kurzer Abstecher (mit normalem Pkw) wird uns dann recht bald zeigen, warum: auf einem Untergrund von Schlamm und Fahrrillen ergibt sich eine Schmierseifenoberfläche, die wir unserem Vorderradantrieb nur sehr kurz zumuten, bevor wir vorsichtig wieder umdrehen ...
Doch nun, am ersten Septembertag und dazu noch mit unserem Pickup ist die Weiterfahrt auf der pistenähnlichen 427 nach Grindavik kein Problem.

Wir werden nur einmal von einem Wahnsinnsfahrer überholt (das erste Mal!), der wie ein Verrückter ohne Sicht schräg durch die nächsten Kurven rast und offensichtlich für die nächste Dakar-Rallye übt. Aber auch der verschwindet bald in einer riesigen Staubwolke und da wir später an keinem Schrotthaufen vorbeifahren, hat er wohl überlebt.
Bevor wir unseren täglichen Stellplatz aufsuchen, fahren wir nach der Durchquerung von Grindavik wieder nördlich heraus und die Straße 43 lang bis zur Blauen Lagune. Über dieses Thermalbad, geheizt und betrieben vom "Abwasser" eines Thermalkraftwerkes, wird in allen Informationen über Island soviel geschrieben, dass man an dieser Stelle nicht viel dazu sagen muss. Nur soviel: Auch bei einer Kurzreise nach Reykjavik sollte man auf einen Besuch nicht verzichten. Da dies aber allen gesagt wird, kann es zeitweise hier sehr eng zugehen. Dies gilt weniger in dem herrlich weitläufigen Becken, wo die Schwimmer zwischen Wasserdampfnebeln verschwinden, als vielmehr in den Umkleidekabinen, die in keiner Weise auf manchmal mehrere Busladungen gleichzeitig eintreffender Touristen vorbereitet sind. Doch entschädigt wird man auch dann durch angenehmstes Wohlgefühl im Wasser und sogar danach - muss wohl an den geheimen Wirkungskräften des Wassers liegen!

Das Wohlgefühl hält auch nach diesem Besuch an, als wir später auf dem kostenlosen Campingplatz im "Stadt"gebiet von Grindavik stehen. Da es sich hier zwar um eine Stadt handelt, jedoch wie üblich weder Kneipen noch Restaurants zu sehen sind, verbringen wir wie immer unseren beschaulichen Abend im Pickup-Camper ...
An dieser fahren wir erneut vorbei, als wir unsere "letzte" Fahrt Richtung Reykjavik antreten. Da ich eigentlich nie ein Freund von größeren Städten war, hält sich die Freude über die Rückkehr in die Zivilisation sehr in Grenzen. Unangenehme Raserei auf Reykjaviks Straßen gefällt mir kaum, ein Spurwechsel wird zum isländischen Roulette, da wie schon erwähnt unsere Kabine zwar breiter ist als der Mazda-Pickup, jedoch keine verlängerten Außenspiegel vorhanden sind. Was während der Fahrt in der Wildnis kein Problem war, wird nun zur Nervensache - ohne die mehrtägige Gewöhnung an das Fahrzeug könnte hier ein echtes Problem entstehen!
Wir halten an einer Tankstelle und reinigen das Fahrzeug von noch reichlich aufliegender "Wildnis" in einer typisch isländischen Waschanlage: mit Wasserschlauch und angeschlossener Bürste. Was in Anbetracht der Unzahl von Bigfoots und anderen martialischen Fahrzeugen in der Hauptstadt aufgrund deren Dimensionen durchaus Sinn macht, kommt nun auch uns zu Gute: in einer herkömmlichen Waschanlage hätten wir mit unserer Wohnkabine genauso wenig eine Chance wie die vielen Pistenmonster Islands ...

Wir wollen unsere letzte Nacht in Island auf dem Campingplatz nahe der Stadtmitte direkt neben einem Schwimmbad verbringen. Bei wunderschönem Abschiedswetter (wer hatte eigentlich behauptet, das Anfang September schon der Schnee droht?) können wir unsere letzten (und zusätzlichen) Bierdosen in der Sonne leeren, bevor wir uns mit dem Bus aufmachen in die City zum Tag- und Nachtleben ...
In der Innenstadt von Reykjavik herrscht Jubeltrubel. Auf dem Laugavegur fährt der Bigfoot-Parcour, dröhnende Musik, 50 Zentimeter Höherlegung und Fünfmeterantennen auf dem Dach kann man auch hier vorführen, wenn man nicht gerade im Hochland ist.
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Im Gegensatz zum Silvester 1996, an dem wir feststellen werden, dass an diesem Tag nur ein einziges Lokal in Reykjavik geöffnet hat, da alle traditionsgemäß zu Hause sind, bekommen wir heute an dieser Straße eine Super-Pizza, wie wir sie noch selten gegessen haben. Da auch erst 16 Monate später die Angst vor isländischen Bier- und anderen Alkoholpreisen schwinden wird, trinken wir heute noch wie bisher brav Wasser und Kaffee zu unserem Essen.
Die letzte Nacht auf dem Campingplatz verbringen wir in einer Vielzahl heimkehrwilliger (?) Zelttouristen. Neben uns im allradaufgewühlten Untergrund versuchen noch spät in der Dunkelheit einige Jugendliche ihr Zelt aufzubauen - wie gut, dass man (noch) seinen Pickup-Camper hat!
Als auch eine halbe Stunde nach der vereinbarten Rückgabezeit die
Geschäftsräume unseres Vermieters sonntäglich leer bleiben,
kommt langsam Unruhe auf. Man möchte ja nicht allzu deutsch reagieren,
aber wo bleiben die bloß? Auch in der nächsten Viertelstunde
geschieht nichts, außer dass wir feststellen, dass über den
Geschäftsräumen des Autovermieters niemand privat wohnt. Immer
öfter fällt der Blick auf die Uhr - der Flieger wird sicherlich
nicht sonntäglich warten. Katastrophenszenarien werden entworfen,
wir werden einfach nach Keflavik fahren und den Pickup dort abstellen.
Aber ein Versuch zu telefonieren sollte schon erfolgen. Doch weit und breit keine Telefonzelle! Ein Gang durch die Parallelstraße führt zu einer sonntäglich besetzten Polizeistation. Vielleicht gibt es in diesem Land mehr Freunde und Helfer als Knöllchenkassierer im Dienste der "Verkehrssicherheit"? Der dort Diensthabende hilft in der Tat: Nach kurzem Telefonat mit unserem Vermieter teilt dieser mir mit, in wenigen Minuten da zu sein ...
Als uns der Sohn des Vermieters kurz darauf im Pkw nach Keflavik zurückfährt, wird alles klarer: Erstens hatte man uns schlicht und einfach vergessen. Zweitens hatten sie alle bis heute morgen wie immer eine harte Samstagnacht in Reykjavik, und da kommt manch einer erst spät nach Haus. Erneut bemerken wir, wie auch bei späteren Aufenthalten in Island, eine ausgeprägte Mentalität, die man schon fast "südlich" nennen könnte. Na was soll´s, schließlich hat´s ja noch geklappt, wenn auch mit viel weniger Zeit für zollfreie Einkäufe als geplant. Fazit: Wenn man einen Termin hat, sollte man an ihn eben vorher telefonisch erinnern!
Nach dem Stress und so viel Natur habe nun ich selbst was vergessen: meine Erfahrungen vieler vorheriger dienstlicher und privater Flüge. Mein Überlebensmesser im Handgepäck findet nämlich nicht das Gefallen der Sicherheitsüberprüfung am Flughafen Keflavik: Nachdem auch dies als Sondergepäck letztlich durchgeschleust ist, geht es zurück. Eine Super-Tour mit unvergesslichen Eindrücken und viel Schwefeldampf in der Nase hat ihr Ende gefunden ...
Und noch eins: Der Wunsch nach dem eigenen Expeditionsmobil
ist auf dieser Tour geboren, das nächste Mal soll alles anders werden
- oder besser doch nicht?? Auf jeden Fall aber - doch das werden wir erst
später wissen - ist diese Reise die Geburtsstunde des Explorer Teams
und irgend wie auch die des Magazins ...
© Text/Bilder 1996, 1997 J. de Haas