(Bericht
von Hekla)
17.11.2008 -- Es ist
Herbst in Deutschland, das trübe Wetter dämpft die
Stimmung, da bekommt man Lust, vor dem Winter noch einmal etwas Sonne
zu tanken. Doch wo gibt es noch offene Campingplätze? Meer?
Sonne? Nicht weiter als 8 Stunden Fahrt entfernt?
Google weiß
Rat und schon kurz darauf machen wir uns auf den Weg Richtung Nationalpark
Cinque Terre, nach Deiva Marina
in Ligurien südlich von Genua. Dort soll der Campingplatz La
Sfinge ganzjährig geöffnet sein mit Bar,
Supermarkt, Internet Point und Shuttlebus zum Strand. Hübsche
Bilder auf der Webseite laden ein, einige Tage dort zu verbringen und auch die Wetterfrösche von
wetter.de sagen bestes Wetter voraus. Auch unsere Wetterstation stimmt dem zu. Was wollen wir
mehr ..?

Wanderer, machst Du Dich auf diesen Weg,
vergiss den großen Sack mit den Euros nicht!
Autobahnen sind im Ausland ein teurer Luxus und in Italien fragen wir
uns schon, wofür wir eigentlich zahlen, als wir uns endlose
Kilometer durch die Baustellen der teilweise kurvenreichen Autostrada
quälen. Immer wieder werden Radarkontrollen angedroht, aber
Hinweisschilder, wie schnell man fahren darf, finden sich kaum. Wer
hier zu Kasse gebeten wird, könnte ein Beweisproblem haben. Aber irgendwie
müssen die Euros wohl in den leeren Staatssäckel kommen ...
Vor Sonnenuntergang treffen wir ein in Deiva
Marina. An der Rezeption werden wir freundlich von zwei jungen Frauen
empfangen, aber dann ist schon Schluss mit Lustig: Als Zeltstellplatz
für unser OZtent erhalten wir zur Auswahl einige wenige kahle
kleine Schotterplätze direkt am Waschhaus (das wäre
doch praktisch!). Wir fragen nach den hübschen
Stellplätzen von den Bildern im Internet, idyllisch
gelegen unter Bäumen auf Terrassen. Die
wären woanders und im Winter ständen diese Plätze
nicht zur Verfügung. Wo diese Plätze sein sollen,
haben wir nie erfahren. Misstrauisch geworden, fragen wir weiter: Bar?
Im Winter geschlossen. Supermarkt? Aber doch nicht im Winter! Der
nächste Supermarkt ist nur 3 km entfernt. Internet Point?
Man wisse nicht, ob die Installation bereits abgeschlossen sei. Anderer
Campingplatz? Man wäre nicht informiert ...

Es entsteht der Wunsch, sofort wieder
zurück zu fahren. Aber haben wir nun tatsächlich
einen ganzen Tag auf diesen Asphaltpisten zugebracht, um jetzt aufzugeben?
NEIN!
Wir finden schräg gegenüber den
Campingplatz "Valdeiva", der noch geöffnet hat. Auch
hier werden wir freundlich empfangen und man gibt sich alle
Mühe, ein kleines Stückchen begraste
Fläche zu finden für unser Zelt.
Selbstverständlich haben Restaurant und Supermarkt
geschlossen. Aber die langsam hereinbrechende Nacht lässt uns
für eine Übernachtung entscheiden.
Schnell ist das OZtent aufgebaut, das sofort auf
Interesse stößt. Wir werden begrüßt
von einem niederländischen Ehepaar, das in einem
Wohnwagen haust ohne Zugfahrzeug. Wir fragen nach und erfahren eine
traurige Geschichte: Sie waren auf dem Weg nach Spanien und wollten hier nur
einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Da wurden sie von einem
italienischen Fahrer gerammt, der in
den Bergen die Kurve geschnitten hatte. Das Auto ist nun nicht mehr
fahrtauglich und steht bereits seit zwei Wochen in Genua, um
die Klärung der Versicherungen abzuwarten. Die beiden
Niederländer hat man mit Wohnwagen kurzerhand auf diesem
Campingplatz abgeladen, 3 km von jedem Ort, Lokal, Geschäft
usw. entfernt. Nach Klärung der Kostenübernahme werden sie wohl noch vier weitere Wochen warten
müssen, bis die Reparatur durchgeführt ist. Bis dahin
werden sie jeden Hügel in der Region persönlich
erklommen und jeden Schleichpfad erkundet haben, viel mehr kann
man hier ohne Auto nicht tun.
Der Hunger treibt uns und wir fahren nach Deiva Marina herein.
Ein Parkplatz ist schnell gefunden, denn der Ort hat
Kapazitäten von Parkplätzen für Tausende von Touristen im
Sommer anzubieten, die von hier aus in die Cinque Terre per Zug
fahren.
Es ist 18:30 Uhr und
wir haben seit dem Frühstück um 05:00 Uhr morgens nichts
mehr gegessen. Wir streichen mit knurrendem Magen um die Lokale herum. Allzu viele, die heute öffnen werden, gibt es ohnehin nicht. Um
19:00 Uhr finden wir endlich eine offene Türe und werden sofort
wieder hinaus komplimentiert: Also vor 19:30 Uhr kann man doch wirklich nicht
erwarten,
dass einem Einlass gewährt wird!

Wir ziehen weiter zum
Restaurant im Hotel "Eden". Ein alter Kellner, der durchaus an James in
Dinner for One erinnert, versucht mit einigen Brocken Englisch uns eine
Bestellung zu entlocken. Wir sind allein in einem großen
Speisesaal. Eine Karte gibt es nicht. Es zählt immer wieder
nahezu unverständlich die wenigen Gerichte auf und wir
werden genötigt, Vorspeise (Pasta) und Hauptgericht
(Steinpilze) zu nehmen. Eine Weinkarte gibt es, aber natürlich
den von uns ausgesuchten Wein nicht. Wir erhalten einen
angabegemäß "gleichwertigen" Ersatz.
Der Wein kommt und enttäuscht. Die Pasta
kommt und die Qualität ist überraschend gut. Eine Dame
patroulliert vorbei und fragt: "Is the wine
good?" Sie erkennt sofort, dass die Freude sich in Grenzen hält
und meint daraufhin: "We have better wine, for later ..." Nun, zu dem
"better wine" ist es nicht mehr gekommen. Aber wenigstens hat man uns
für die Flasche "nur" 10,- EUR in Rechnung gestellt. Das
Hauptgericht ist allerdings dann ein Riesenflop! Die Gegend ist bekannt
für ihre Steinpilze und es ist Saison, beste Voraussetzungen also für kulinarischen Genuss. Aber der Koch hatte nichts besseres
zu tun, als die edlen Steinpilze in Teig zu wälzen und
anschließend in die Fritteuse zu werfen. Nur hartgesottene
Frittenliebhaber stehen das durch und das Befinden wird auch nicht
besser, als wir die Pilze mit 17,- EUR pro Portion auf der Rechnung
wieder finden. Mittlerweile hat sich der Speisesaal etwas
gefüllt und fassungslos sehen wir zu, wie an den Nachbartischen
die frittierten Pilze zusammen mit Bergen von Pommes vertilgt werden.
Der lange Anreisetag macht uns etwas kraftlos,
niemand hat Lust mit den Restaurantbetreibern den Fraß zu diskutieren,
wir kehren etwas frustriert zu unserem Zelt zurück.
Das Fazit des Abends: Auch wenn morgen Sonntag
ist, werden wir
versuchen, einzukaufen und selber zu kochen. Außerdem ist der "Not-Auernhammer" immer an
Bord ...
Der Morgen ist frisch, wegen der Berge
tut sich die Sonne schwer, unseren Stellplatz zu erwärmen. Wir
beschließen, nicht abzureisen und wollen den Tag im Nationpark
Cinque Terre verbringen. Die
freundliche Dame vom Campingplatz fährt uns zum Bahnhof und
erklärt uns die verschiedenen
Varianten der Tickets.
Schwarzfahren ist teuer! 60,- EUR pro Person, die fällig
werden, wenn man den Zug ohne Fahrtkarte besteigt.
Nun, im Bahnhof haben
wegen des Sonntags alle Schalter zu - das Tourismusbüro natürlich auch. Beide Fahrkartenautomaten sind defekt. Auf dem
Bahnsteig warten weitere Touristen auf den Zug und sind der Meinung,
man müsse dies dem Controlleur doch nur erklären ...
Mit ungutem Gefühl fahren wir wenige Stationen. Wer wie wir aus München kommt, kann nicht wirklich an kulante Kontrolleure glauben. In
Monterosso al Mare machen wir schließlich
sicherheitshalber erst einmal einen
Zwischenstopp. Es lohnt sich, das Touristenbüro hat auf, man
erhält die Fahrkarten und wir werden beraten, dass für die
Wanderungen zwischen den Orten auf die
Eintrittskarte in den Nationalpark verzichtet werden kann, es wäre doch
Winter ... Die Wartezeit auf den nächsten Zug verbringen wir am sonnigen Strand. Bald geht
es weiter durch die Tunnel bis Manarola und wir werden doch
tatsächlich unterwegs von einer streng dreinblickenden uniformierten Dame kontrolliert.
Aber bei uns ist ja nun alles in Ordnung ..!

Wir wollen das schöne
Wetter nutzen für eine Wanderung entlang der Küste
von Manarola nach Corniglia. Und kurz vor Corniglia ist doch
tatsächlich eines der
Kontrollhäuschen bevölkert. Winter? Fehlanzeige! 5,- EUR pro Person kostet der Eintritt in den Nationalpark. Im Anblick
des Bahnhofs von Corniglia mag man auch nicht umkehren und zurück laufen ...
Die Lardarina
mit ihren 377 Stufen hoch in den Ort schreckt uns nicht: Vielleicht
werden wir ja mit einer netten Bar belohnt! Doch Fehlanzeige, die Bar hat zu
(es ist ja Winter). Also ziehen wir weiter nach Vernazza die
Küste hinauf durch die Olivenhaine, in denen gerade Erntezeit
ist. Die Wege sind schmal und obwohl wir ja im tiefen Winter sind,
strömen uns zahlreiche Touristen entgegen. An manchen Stellen
kommt man kaum vorwärts. Man wagt gar nicht sich vorzustellen,
wie es hier wohl im Sommer zugeht. Mittlerweile brennt uns die Wintersonne
auf den Kopf, der Durst wird immer größer. Und am
Ortsanfang von Vernazza hat der Barbetreiber doch tatsächlich die Wetterzeichen der Zeit
erkannt und geöffnet! Zahlreiche Gäste laben sich an
seinen gekühlten Getränken, eine Katze genießt den
Ausblick mit Sonnenuntergang. Dermaßen
gestärkt machen wir uns auf zum Bahnhof, nicht ohne vorher in
einer Enoteca Weine und Olivenöl der Region einzukaufen.
Wieder in Deiva
Marina angekommen reicht ein kurzer Anruf und schon holt uns die
freundliche Dame vom Campingplatz ab mit ihrem Shuttlebus.
Trotz
Sonntag haben wir unterwegs alles bekommen zu einem Dinner am Zelt
und dank der vielen Lampen können wir problemlos trotz der hereinbrechenden Nacht
ein leckeres Mahl brutzeln. Der Wein aus der Weinhandlung zeigt, das
die Winzer der Region "better wine" herstellen können. Die Gastronomie in Deiva Marina wird heute
auf uns verzichten müssen.
Der nächste Tag bricht heran. Was tun?
Wir beschließen abzubauen und weiter Richtung Genua zu
fahren. In Chiavari soll noch ein Campingplatz geöffnet haben.
Die Adresse ist schnell am Zumo eingestellt und los
geht´s.
Natürlich wieder über die kostenpflichtigen
Autobahnen und nun wird uns klar, wir bekommen doch etwas geboten
für unser Geld: Nirgendwo sonst kann man die dicht gestaffelten abenteuerlichen
Zu- und Abfahrten mit kombinierten "Abzockstationen" so umfassend
genießen wie hier.
In Chiavari jagt uns jedoch Zumos "Steffi" zig-Mal durch ein und denselben Kreisverkehr, will uns in die Berge lotsen auf
immer enger werdenden kurvigen Straßen. Wir müssen
einschreiten: Steffi hat keine Ahnung, wo der Campingplatz ist! Zugeben würde sie das
wohl nie ...

Kein
Problem, fahren wir halt weiter nach Rapallo. Die Anfahrt zum Campingplatz ist nicht minder aufregend und so verworren, dass
Steffi mit
ihren Anweisungen etwas hinterher hinkt und man deshalb auch
Straßen von Rapallo zu sehen bekommt, die man nie sehen
wollte. Das legendäre "Fahren Sie 200 m, dann bitte wenden"
hören wir nicht nur einmal. Doch wir finden den Platz und
verraten Steffi nicht, dass wir ihr kaum mehr zugehört und
stattdessen auf die Hinweisschilder geschaut haben, Der Platz
liegt direkt an der
Autobahn, die dort nur noch eine gigantische Baustelle darstellt,
kombiniert mit Inkassostationen, Ampeln, Einwinkern und riesigen
Baumaschinen.
NEIN! Hier bleiben wir nicht. Wir beschließen nun
doch noch
einmal den Campingplatz in Chiavari zu suchen, ganz konventionell mit
Karte und Kommandos von der Beifahrerin. Zum Glück hört ja Steffi nie zu, da hat sie gar keine Gelegenheit beleidigt zu
sein.
Es klappt, der Platz hat auf, nicht gerade
schön, aber direkt am Meer und unmittelbar am Güterbahnhof,
damit das Meeresrauschen nicht so stört ...
Der Platzinhaber ist wieder sehr freundlich und
berät uns, wie wir am besten in die Innenstadt kommen. Fahrräder
wären da ideal! Wunderbar, endlich kommen die A-Bikes zum Einsatz.
Zunächst trinken wir am Strand bei einem irrsinnig
kitschigen Sonnenuntergang unser "Ankommstbier" und rätseln
über eine nah gelegene riesige Bauruine. Aus welcher Zeit mag sie stammen? Ist
sie ein Überbleibsel aus den 60er Jahren, als hier Tourismus
ungeahntes Wachstum verhieß? Ist sie ein Opfer der Finanzkrise?
Es handelt sich um die Colonia Fara, eine Sommerresidenz
für Kinder, die 1938 von Mussonlini eingeweiht wurde. Im zweiten
Weltkrieg diente die Anlage als Lazarett und anschließend als
Flüchtlingslager. In den 60er Jahren erlebte der Bau eine kurze
Renaissance als internationales Jugendhotel, später dann als
Schule und Sportvereinsdomizil. Nun verfällt die Anlage. Was mit
ihr weiter geschehen wird, ist offen.
Aber nun auf in die Altstadt von Chiavari, die mit ihren
zahlreichen Arkaden und teilweise luxuriösen Geschäften zum
Bummeln einlädt. Da es wieder zu früh ist zum Abendessen,
lassen wir uns in einem Straßencafé unter den Arkaden
nieder. Für die Halbe Bier sind 5,- EUR zu berappen, aber man bekommt
dazu eine Platte mit allerlei kleinen Leckereien, Gemüse, Dipps,
Gebäck, Käse, Schinken, Oliven usw. So hält man es
leicht aus bis 19:30 Uhr, wenn die ersten Speiselokale öffnen. In
einer Pizzeria bekommen wir dann auch vorzügliches Essen zu
moderaten Preisen mit gutem Wein. Das bestärkt wieder unser Vertrauen in die italienische Gastronomie.
Am nächsten Tag unternehmen wir mit den A-Bikes
einen ausführlichen Ausflug in die Stadt. Überall bleiben
Leute stehen und staunen, oft schauen sie uns fassungslos hinterher.
Dabei muss man schon einräumen, dass das Fahren auf dem
mittelalterlichen Kopfsteinpflaster durchaus unbequem ist und man am
Abend sich seines Hinterns sehr bewusst wird. Eine elegant
gekleidete ältere Dame spricht uns an: Sie will sofort das A-Bike
ausprobieren. Wir können sie mit viel Gestik, Deutsch und Englisch
davon überzeugen, dass das Fahren etwas Übung braucht
und zu gefährlich ist. Das können wir nicht verantworten!
Als wir zurück kommen, sehen wir, dass unsere
Wetterstation einen Wetterumsturz ankündigt, auch die
Wetterfrösche im Radio warnen vor einem Wintereinbruch. Da wir
wenig Lust haben, am Brenner in ein Verkehrschaos zu kommen,
verlassen wir Chiavari auf den endlosen Kurven der Autostrada,
vorbei an ebenso endlosen LKW-Kolonnen, gejagt von dicht auffahrenden
Temperamentsbolzen - dem Winter entgegen.
Wir werden in der kommenden trüben Zeit gerne an den
wunderschönen Nationalpark Cinque Terre und an die malerische
Altstadt von Chiavari denken und dabei ein Glas ligurischen Rotwein
schlürfen ...
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