Mittwoch, 24. Dezember 2008: Weihnachten

Wir leiden immer noch am gekappten Seekabel. Kurz, es geht fast nichts mit dem Internet nach Europa. Weihnachtliche Stimmung kommt hier schwer auf. Unsere Weihnachtstage sind für die Ägypter ganz normale Arbeitstage. Nur an den Kreuzungen hüpfen einige geschäftstüchtige Jungs rum, die Weihnachtsmannsmützen feil bieten.

Unser Heiliger Abend begann mit einem exzellenten Frühstück mit Schicken und Spiegelei. Am Nachmittag haben wir uns eine Wohnung in Mokattam von einer Schweizer Familie angeschaut. Das ist im Osten Kairos auf dem Felsen, der die ganze Stadt überragt. Mir hat sie gut gefallen. Anschließend haben wir in Maadi Prototypen der Sandbleche mit 6 mm Wandstärke abgeholt, das ist der Stadtteil im Süden Kairos, dort, wo alle Familien und alle Amerikaner wohnen.

Anschließend waren wir bei La Rosa, unserm Lieblingsitaliener in Maadi. Für EP 200,- speisten wir hervorragend mit Vorspeise, Pasta, Fleisch und Pizza. Für die Kinder gab´s anschließend Eis und für die Alten Espresso. Natürlich gibt es keinen Alkohol bei La Rosa, man kann sich aber seinen Wein mitbringen. So rundeten wir das Mal mit gutem ägyptischen Rotwein "Omar Khayyam" ab. Petra war immer noch ziemlich fertig vom Schulstress, Rosi war komisch drauf und Leo und Anni nervten. Kurz, ein gelungener Weihnachtsabend ...

Der konsumorientierte Weihnachtswahnsinn findet in Kairo praktisch nicht statt. An den großen Kreuzungen versuchen wenige, findige Straßenhändler, Weihnachtsmann-Mützen zu verkaufen und in den europäisch ausgerichteten Supermärkten finden sich ein paar Schokoladennikoläuse. Mehr ist nicht zu spüren von der "staden Zeit". Über die Weihnachtsfeiertage ist in Kairo eine ganz normale Arbeitswoche. Das trägt auch dazu bei, dass keine rechte Weihnachtstimmung aufkommen will, obwohl sich unsere Schule alle Mühe gibt. So sind wir also am heiligen Abend zu unserem Lieblings- Italiener nach Maadi gefahren und haben ganz unfeierlich Pasta und Pizza mit einer Flasche Omar Khayyam, Vin Rouge verdrückt. Wir wollten eigentlich noch eine anglikanische Messe besuchen, waren aber nach dem Essen so müde, dass wir einfach heim gefahren sind.

Lichtblick: In drei Tagen geht es in das westliche Sandmeer ...Nun sitze ich am Rechner, hadere mit dem lausig langsamen Internet und wünsche allen Unimurristi ein Jahr 2009 nach den Vorstellungen, die so jeder hat. Dass die Depression vor allem in den Köpfen nicht stattfindet.

In drei Tagen geht es in das westliche Sandmeer. Mal schauen, ob wir den Stern von Bethlehem sehen. Ein Zeichen von Versöhnung und Liebe könnte das heilige Land gut gebrauchen. Inshalla und massa al chair ...

Eine gute Freundin meinte kürzlich, es müsste doch eigentlich genau das sein, was ich als rastloser Mensch mir immer gewünscht habe. Ich musste antworten: Auch Abenteurer werden älter und schätzen zuweilen etwas ruhigeres Fahrwasser. Aber prinzipiell stimmt es natürlich. Zu Zeit sind mir die täglichen Abenteuer allerdings etwas zu viel. Es sagen aber erfahrene Lehrer an der Schule unisono, dass jeder ein Jahr braucht, bis er sich etabliert hat und das tägliche Leben einigermaßen läuft. Wir müssen jetzt erst mal bis Ende Januar eine neue Wohnung gefunden haben und dann umziehen. Wir brauchen dringend einen guten Platz und Rückzugsraum, der ruhig ist und wo sich alle wohl fühlen. Da wir beruflich in Deutschland wenig Chancen haben, werden es hier wohl ein paar Jahre werden.

Die Kinder fühlen sich immer noch wohl. Das Wohlbefinden stützt sich aber hauptsächlich auf die Schule, die wir alle als Ort mit einer positiven Ausstrahlung wahrnehmen. Objektiv ist vor allem der Bewegungsspielraum extrem eingeschränkt. Spielen auf der Straße in unserem Viertel oder selbstständig unterwegs sein ist hier unmöglich. Vor Allem Rosi kann sich als junge Frau außerhalb des Hauses praktisch nicht ohne männliche Begleitung bewegen. Das Mama-Papa-Taxi hat hier wie schon erwähnt Hochsaison. Nach vier Monaten Kairo können die Kinder jetzt schon gut differenzieren und sehen auch die eine oder andere Schattenseite unseres Lebensraumes.

Petra hat sich über ihren Quereinstieg als Lehrerin zur selbstständigen Frau mit gutem Selbstwert und guter Ausstrahlung gemausert. Sie hat ein geniales Händchen mit den Schülern und ist fachlich nicht schlecht. Zumindest spiegeln ihr das die Kollegen. Wir führen unter anderem auch deshalb heute eine bessere Ehe als zu Beginn unserer Liaison. Da hatte ich langfristig gesehen doch einen guten Riecher! Es geht uns gut miteinander und ich fange langsam an, den Begriff "Liebe" zu erahnen. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht auch herzhaft streiten können. Trotzdem ist sie für mich die beste aller Ehefrauen. Das lässt uns auch die Anfangsschwierigkeiten als kampferprobtes Team meistern. Hier an der Schule gehen viele Ehen kaputt, die meinten, Beziehungsschwierigkeiten durch eine neue Umgebung kitten zu können.

Von den Einkaufsmöglichkeiten und dem kulturellen Angebot ist es hier in Kairo kein Vergleich zu München. Der Speisezettel der Ägypter ist eher eintönig und das Grundnahrungsangebot spärlich hinsichtlich der Vielfalt. Wir haben wirklich Probleme, einen abwechslungsreichen Speiseplan zu realisieren. Obst und Gemüse sind derartig mit Pestiziden und Schwermetallen belastet, dass wir nur Biologisches kaufen. Auch das Wasser aus der Leitung ist ungenießbar. Zum Trinken, Kochen und Zähneputzen müssen wir Mineralwasser kaufen. Einzig das Fleisch ist hier wirklich gut: Vom Geschmack und von der Faserstruktur her bin ich auch sicher, dass das keine mit Antibiotika großgepuschten Rinder sind. Da es hier 15% koptische Christen gibt, kann man auch einheimisches Schweinefleisch kaufen.

Alles in allem werden unsere Lebensbedingungen langsam besser und ich denke, dass wir es uns gut einrichten. Die Wüste vor der Haustür wird auch schon fleißig genutzt. Der Unimog hat inzwischen eine kleine Heimatfunktion bekommen. Als unser Minihaus, das uns gehört, das wir alle sehr gemütlich finden und das uns keiner streitig machen kann, stützt er unsere Psyche, wenn wir uns manchmal etwas heimatlos fühlen.

Weihnachten geht hier an uns fast spurlos vorüber, obwohl sich die Schule alle Mühe gibt, weihnachtliche Stimmung zu erzeugen ...

Dienstag, 13. Januar 2009: Neue Wohnung, neues Glück?

Zurück von einem Ausflug in die Wüste über Weihnachten schauten wir uns am letzten freien Tag zwei Wohnungen von unserem Makler an. Das erste Objekt war der Wahnsinn: Eine zweigeschossige Wohnung, 300 qm Wohnfläche mit drei Bädern, 4 Schlafzimmern, Garten, Garage und 150 qm Partykeller. Das ganze für lumpige 5.000,- EP pro Monat. Einziger kleiner Haken, das Anwesen lag direkt an der Autostrade, einer sechsspurigen Hauptverkehrsstraße. Der Lärm war selbst bei geschlossenen Fenstern nicht auszuhalten.

Gute Wünsche in der Weißen Wüste ...Beim zweiten Objekt handelte es sich um eine Wohnung im Herzen von Alt-Maadi. Die Wohnung liegt im dritten und letzten Stock eines Hauses aus den siebziger Jahren. Gebaut von einem Architekten, der auch an der DEO mitbeteiligt war. Die Wohnung ist hell, offen und luftig in der Aufteilung und vor allem unmöbliert. 

Wir haben nicht lange gefackelt und abends um 22:00 Uhr war der Mietvertrag unterschrieben. Mit 6.875,- EP (927,- Euro) ist sie zwar nicht gerade ein Schnäppchen, aber im Vergleich zu unserer alten Wohnung das Geld wert. Die Dame des Hauses ist eine deutsch-arabische ehemalige Schülerin der DEO. Sie und ihr Mann sprechen deutsch und das häusliche Umfeld ist auch eher nach deutschen Vorstellungen. Vor allem sauber im und um das Haus herum. Mit der Boab-Familie, die das Haus hütet, haben wir uns auch schon angefreundet.

Gestern Nachmittag saßen wir noch mal in unserem neuen Domizil und planten die Einrichtung. Die Kinder stritten sich herzhaft darum, wer in welches Zimmer einzieht und ich machte Bestandsaufnahme der kleineren Defekte in der Wohnung. Beim Verlassen der Wohnung entdeckten wir noch die Dachterrasse über uns. Ich hoffe, dass wir diese auch nutzen dürfen.

Am Abend wurde der neue Lebensabschnitt beim Lieblings-Italiener in Maadi, diesmal ganz feierlich mit Pasta, Pizza und mit einer Flasche Obelisk, Vin Rouge eingeläutet. Nun sitzen wir abends in unserer alten Hütte und keiner hat mehr Bock auf Baustellenlärm, Ameisen, Kakerlaken, Hundekacke vor der Wohnungstür und den Parkplatzstress.

Wir werden wohl die halbe Januarmiete bezahlen und schon am kommenden Wochenende umziehen. Wir müssen zwar zuerst einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und vier Matratzen kaufen, so dass wir überhaupt dort leben können. Aber wir haben von der alten Wohnung so die Schnauze voll, dass das jeder in der Familie in Kauf nimmt. Für Tisch uns Stühle muss erst mal die Unimog-Ausrüstung her halten.

Kurz vor Weihnachten bin ich auf der Shari Altahrir so vor mich hin gefahren: Ein Hyundaj PKW überholte mich links und drückte einfach nach rechts. Ich konnte nicht nach rechts ausweichen und bremste. Dadurch ruinierte mein Stoßstangenende die ganze rechte Seite des Hyundaj. Die Fahrerin reagierte erst mal nicht und fuhr einfach weiter. Nach 500 m scherte sie links aus und parkte. Ich hatte sie schon aus den Augen verloren. Kurzum, es kümmerte sie offensichtlich wenig, dass der Hyundaj einen ordentlichen Schaden hatte. Also beschloss ich, dass es mich auch nicht kümmert.

Ein ähnliches Vorkommnis hatten wir gestern Abend: Ein PKW zieht rechts an mir im Stopp- and go-Verkehr vorbei und schert so vor mir ein, dass es eine ordentliche Beule in der C-Säule gab. Der Fahrer blieb nach 20 Metern stehen, ich auch hinter ihm und dann begann eine binationale Diskussion über die Schuldfrage. Er redete auf Arabisch auf mich ein und ich erklärte ihm in Bayrisch meinen Standpunkt. Nach zehn Minuten kam ein Polizist dazu. Der erläuterte meinem Unfallgegner etwas auf Arabisch, worauf dieser wortlos in sein Auto stieg und weiter fuhr.

Man sieht also, dass die Schadensregulierung bei Blechschäden nach dem Prinzip funktioniert: Da sowieso keiner eine Haftpflichtversicherung hat, zahlt jeder die eigene Reparatur selber. Das macht bei mir bisher 10,- EP für eine kleine Dose schwarzen Lack für die Stoßstangenenden. Dieses Risiko entsteht ständig durch den ungebremsten Drang der ägyptischen Autofahrer um die Poleposition.

Ein guter Bekannter aus München fragte mich kürzlich, ob wir Kontakt zu koptischen Christen haben.

Bisher haben wir mit Kopten wenig Kontakt: Kopten sind in Kairo mehrheitlich eine unterprivilegierte Schicht. Sie werden von den Muslimen verachtet und diskriminiert. Nur wenige Kopten sind in der Kairoer Mittelschicht zu finden. In Kairo haben sie eine wirtschaftliche Nische über die Müllentsorgung gefunden, die ihnen über den Verkauf der Wertstoffe eine Existenzgrundlage gibt. Im Umgang mit Schmutz, Giften und ihrer Gesundheit sind die Kopten, wie alle Menschen hier, völlig sorglos. Das schädigt vor allem die koptischen Kinder, die bei der Müllsortierung die Drecksarbeit leisten. Die DEO hat ein Projekt zur medizinischen Versorgung der koptischen Kinder laufen. Da sie ihre Religion und das tägliche Leben konservativer leben als die Muslime, betrachten sie deutsches Gedankengut eher skeptisch bis feindlich und gehen allen westlichen Einflüssen und Menschen aus dem Weg.

Rosi hat eine koptische Schulfreundin, die schlimmen Repressalien und körperlicher Gewalt seitens ihrer Eltern ausgesetzt ist. Mehrere Versuche, einen Kontakt zu den Eltern über die Schulfreundschaft der Kinder zu knüpfen, sind gescheitert. Es ist mit den Kopten also eher eine traurige Geschichte hier ...

Donnerstag, 5. Februar 2009: Endlich in Maadi

Nun leben wir also in Maadi, oder sagen wir besser: wir hausen. Denn noch stehen wenig Möbel in der Wohnung. Maadi ist ein Vorort etwa 15 km südlich von Kairo. Der Ort hat einen alten, historischen Kern und drum herum verschiedene Viertel. Nördlich leben eher unterprivilegierte Araber mit dem hier üblichen Wildwuchs der Häuser und dem unglaublichen Dreck und Müll im Viertel. Nach Osten erstreckt sich das Villenviertel. Hier residieren zahlreiche Botschaften und hier leben die Europäer, vor allem die mit Kindern und zahlreiche Amerikaner ...

Skyline von Maadi ...

Insbesondere die "Amerikanerdichte" ist hier sehr hoch, da diese aus Gründen der schnellen Evakuierung nur in Maadi wohnen dürfen. Ich hoffe, dass sie uns im Kriegsfall auch mitnehmen.

Das Viertel expandiert stark in Richtung Osten in die Wüste. In Maadi ist es etwas ruhiger, weniger Verkehr und die Kinder können auch mal alleine unterwegs sein. Da die meisten Familien mit Kindern in Maadi wohnen, haben es die Kids mit den sozialen Kontakten leichter. Die Luft ist leider nicht besser als in der Stadtmitte. Bei Nordwestwind zieht der Dreck von Kairo über Maadi, und bei Südostwind stinkt es nach Zement von den südlich gelegenen Zementwerken. Generell ist es sauberer und luftiger vom Ortsbild als in Kairo.

Diese kleinen Vorteile gegenüber dem Stadtteil Dokki bezahlen wir mit einer Fahrzeit von 25 Minuten morgens und bis zu einer Stunde nachmittags. Waren aller Art sind in Maadi teurer, das Warenangebot aber "europäischer" als in Dokki. Die Miete ist ähnlich wie in Dokki mit Euro 1000,- nicht billig.

Unsere neue Wohnung ist im dritten Stock eines Hauses mit sechs Parteien. Sie ist unkonventionell geschnitten und vor allem hell. Wir haben ein großes Wohn-Esszimmer, drei Schlafzimmer, ein Bad, eine Dusche, drei Toiletten, zwei Balkone und eine lindgrüne Küche mit Fenster. Von der baulichen Qualität und Ausstattung kann die Wohnung, wie die meisten Wohnungen in Kairo, auch die mit gehobener Ausstattung, nicht mit deutschem Standard konkurrieren. Immerhin haben wir bis jetzt kein Ungeziefer in der Wohnung. Unser Hausbesitzer, ein alter Herr, Architekt von Beruf, war mit einer Deutschen verheiratet. Seine Tochter mit Familie und sein Sohn wohnen ebenfalls im Haus. Im Eingangsbereich und um das Haus herum ist es sehr sauber. Uns gegenüber ist die Botschaft von Angola. In Anbetracht des verarmten Landes eine prunkvolle Villa mit riesigem Swimmingpool, auf den Anni immer sehnsüchtig von unserem Wohnzimmerfenster schaut.

Der Umzug verlief vergleichsweise reibungslos: Da wir die Wohnung ab dem 15. Januar angemietet haben, konnten wir schon ein paar Unimog-Ladungen mit dem nicht lebensnotwendigem Hausrat in die neue Wohnung schaffen. Vier neue Matratzen, ein Kühlschrank und eine Waschmaschine, die wir im Vorfeld schon gekauft hatten, waren bereits in der Wohnung. Als Essplatz mussten der große Unimog-Tisch und die Campingstühle her halten. Am Freitag, den 23. Januar 2009 erfolgte dann der endgültige Umzug: Die Arbeitstische der Kinder, die nicht in den Unimog passten, transportierte ein Busfahrer der Schule für uns nach Maadi.

Besuch: Blick vom 4. Stock in Maadi ...Unsere Wohnung haben wir wunschgemäß unmöbliert angemietet. Wir wollen uns nach unserem Geschmack unseren Schutzraum Wohnung gestalten. Was das in Kairo heißt, habe ich allerdings unterschätzt. Einen einigermaßen geschmackvollen Hausstand in unserem finanziellen Rahmen zu erwerben, ist in Kairo eine Herausforderung. Die meiste Zeit verplempern wir nach wie vor mit dem Suchen von Geschäften. Stilistisch europäisches an Möbeln ist immer Importware und entsprechend teuer. Grausiges Egypt-Barock ist dagegen deutlich preiswerter.

Unser Esszimmer und das Eltern- Schlafzimmer ist bereits gekauft. Importware aus malaysischer Produktion im dortigen Kolonialstil. Es ist das schönste an Stilrichtung, was uns bisher über den Weg lief. Ansonsten füllt sich die Wohnung langsam mit Hausrat, obwohl uns noch viele Möbel fehlen. Einiges an Mobiliar, wie Betten für die Kinder, werden wir wohl bauen lassen müssen.

Das Eingewöhnen der Familie in Maadi geht erwartungsgemäß mit einigen Reibereien einher: Wir müssen wieder mühselig die Infrastruktur für Einkauf und Dienstleistung erkunden. Da in unserer Umgebung kein Gewerbe betrieben werden darf, ist es zwar sehr ruhig in unserem Umfeld, die Geschäfte sind aber zu weit weg, um zu Fuß einkaufen zu können. So ist ein Auto hier leider eine Notwendigkeit.

Großen Ärger haben wir mit dem Superkaufhaus Carrefour wegen eines Garantiefalls bei einer dort gekauften Waschmaschine, aber das ist eine eigene Geschichte (siehe unten). Undurchschaubaren Zinnober gibt es bei der Telecom in Maadi, die aus noch unklaren Gründen kein ADSL bereitstellen können oder wollen. Ich vermute, dass es zwei Telefonnetze in Maadi gibt. Ein altes analoges Netz und ein neues digitales Netz. Wir hängen offensichtlich noch am analogen Netz, das sie scheinbar nicht mit dem Internetknoten verheiraten können. Unser DSL-Anbieter LINKdotNET verweigerte erst mal den Anschluss. Wir müssten zuerst bei Telecom Maadi persönlich vorsprechen. In dieser Sache waren wir also gestern in der Telefonzentrale von Maadi. Ein Mitarbeiter hörte sich unser Anliegen an und versprach, die Leitung am nächsten Tag vor Ort zu prüfen. Warum wir persönlich erscheinen sollten, blieb im Dunkeln.

Der Gang durch das Innenleben der Telefonzentrale von Maadi war ein beeindruckendes Erlebnis. Das Herz des Gebäudes ist ein Saal von geschätzten 20 x 10 Metern und eine Höhe von 5-6 Metern. In der Mitte steht eine regalähnliche Konstruktion bis zur Decke mit Tausenden von Kabelverteilern. Von allen Seiten führen dicke Kabelbäume aus verdrillten Telefonleitungen in Kabelschächten in fünf Ebenen kreuz und quer zu diesem Verteiler. Die Kabelführung ist sehr ägyptisch. Zwischen diesem Chaos aus Kabelsträngen sitzen ein paar Ägypterinnen an Rechnern und gehen einer unklaren Tätigkeit nach. Im Verteilerregal turnen ein paar Techniker herum und klemmen ständig Leitungen um. Seit ich das gesehen habe, bin ich voller Ehrfurcht darüber, dass man in Ägypten telefonieren kann. Inshallah.

Waschmaschinen-Garantie auf ägyptisch ...

Unsere neue Wohnung in Maadi ist unmöbliert. Das war auch unser Wunsch, um uns nach unserer Vorstellung einrichten zu können. Das hat einige Anschaffungen zur Folge. Neben dem üblichen Mobiliar brauchten wir auch sämtliche Haushaltsgeräte wie Kühlschrank, Waschmaschine, Geschirrspüler und noch einigen Kleinkram. Kühlschrank und Waschmaschine kauften wir bei Carrefour, dem Superduper-Kaufhaus.

Während der Kühlschrank Marke Zanussi tadellos funktionierte, war unsere türkische Waschmaschine allerdings nicht zum Waschen zu bewegen. Damit begann eine lange Leidensgeschichte, die ich euch nicht vorenthalten will.

Alt-Maadi, wo wir inzwischen wohnen, ist ein zwangsberuhigter Stadtteil. Das heißt: LKW und Lieferwagen dürfen erst ab 20:00 Uhr abends Waren anliefern. Bitte fragt nicht: "Warum denn das? Gerade abends sollte doch Ruhe sein", sondern nehmt es wie ich inzwischen als orientalisches Mysterium einfach hin. Glaube ist Hingabe, einer meiner Kernkompetenzen.

Die Folge aus dieser Regelung war, dass die Geräte nachts um 23:30 Uhr geliefert wurden. Wir schliefen zu dieser Zeit schon tief und fest und waren dementsprechend begeistert.

Am nächsten Nachmittag packte ich die Geräte aus und nahm die Waschmaschine in Betrieb: Transportsicherung entfernen, Wasser anschließen, usw. Nach dem Einschalten folgte die Ernüchterung. Das Teil von der türkischen Firma Beko, in Lizenz in Kairo gebaut, war nicht dazu zu bewegen, etwas Sinnvolles in seiner Eigenschaft als Waschmaschine zu tun. Ich verplemperte den ganzen Abend damit. Also packte ich die Maschine am nächsten Tag wieder ein und Petra wählte die Service-Hotline der Firma Beko in Kairo. Die Nummer ist groß auf einem Aufkleber an der Rückseite der Waschmaschine zu lesen. Eine automatische Ansage schwallte Petra auf Arabisch voll, ohne dass etwas zu verstehen war.

Blick auf die Wohnblöcke in Maadi ...Nächster Versuch war der Kundendienst des Kaufhauses Carrefour. Ein verständiger Herr nahm die Reklamation zur Kenntnis und versicherte, dass die Maschine innerhalb von 24 Stunden ausgetauscht werde. Innerhalb von 24 Stunden passierte nichts. Die darauf folgenden 12 Stunden auch nichts. Also wieder anrufen. Ein anderer verständiger Herr nahm die Reklamation zur Kenntnis und versicherte abermals, dass die Maschine innerhalb von 24 Stunden ausgetauscht werde. Auch innerhalb dieser 24 Stunden passierte nichts.

Dritter Anlauf: Diesmal nahm eine verständige Dame die Reklamation zur Kenntnis und versicherte, dass die Maschine innerhalb 24 Stunden ausgetauscht werde. Wieder passierte innerhalb dieser 24 Stunden nichts. Am Donnerstag sind wir dann zum Carrefour gefahren und gleich in den Managementbereich gegangen. Eine üppige Dame nahm die Reklamation zur Kenntnis und verwies uns zu einer anderen Dame im Kundendienst-Bereich.

Ein Wachmann führte uns lange auf undurchschaubaren Wegen durch die Niederungen des Personalbereichs von Carrefour, bis wir in einer Empfangshalle mit unserem Anliegen von einer weiteren Dame bedient wurden. Sie verschwand erst mal mit unserem Kaufbeleg. Nach langer Wartezeit, die entsprach in etwa meinem Geduldsfaden, tauchte sie wieder auf und versicherte uns glaubhaft, dass noch heute abend eine neue Waschmaschine geliefert werde.

Ich hatte eigentlich die Schnauze voll und wollte mein Geld zurück haben. Weil wir aber mit Kreditkarte bezahlt hatten, sei das nicht möglich, hieß es. Nach einer weiteren Viertelstunde Warten war dann Stand der Dinge: Es würde es schon gehen, wir müssten aber lange warten, bis das Geld auf unserer Kreditkarte wieder gutgeschrieben werde. Wir ließen uns also überreden, einen weiteren Versuch zu wagen, die Waschmaschine auszutauschen. Es kam, wie es kommen musste, die Waschmaschine kam an diesem Abend nicht. Nach dem Frühstück am Freitag versuchte Petra die Dame zurück zu rufen, die uns die Lieferung auf ihre Ehre versprochen hatte. Sie war nicht erreichbar. Bevor wir uns eine weitere Strategie ausdenken konnten, rief ein Herr von Carrefour an und teilte uns mit, dass die Maschine heute um 20:00 Uhr ausgetauscht werde.

Zwischenzeitlich habe ich nach drei Telefonaten mit patzigen und inkompetenten Damen vom Beko Kundendienst Deutschland eine deutschsprachige Bedienungsanleitung per Mail ergattert. Leider vom falschen Modell. Am Abend fand ich im Internet die richtige deutschsprachige Bedienungsanleitung. Ich packte die Maschine also wieder aus und versuchte mein Glück erneut. Das Studium dieser Lektüre brachte aber auch keine neuen Erkenntnisse. Das Miststück war nicht zum Laufen zu bewegen. Ich öffnete die Maschine in der Hoffnung, vielleicht einen leicht sichtbaren Defekt zu finden, wie loser Kabelschuh oder Stecker nicht richtig gesteckt.

Ich fand ein Gehäuse aus Stahlblech, wo nicht mehr viel drin ist, außer der Trommel, dem Antriebsmotor, zwei Wasserventilen, einer Druckdose für den Wasserspiegel und eine Abwasserpumpe. Das Ganze wird gesteuert von einer kleinen Elektronik, die neben den integrierten Bausteinen noch ein halbes Dutzend Relais darauf hat. Mehr ist da nicht mehr drin. Und die Verarbeitungsqualität löst tiefe Trauer bei einem deutschen Techniker aus. Ohne etwas gefunden zu haben, schraubte ich das Gruselkabinett wieder zu ...

Um 22:30 Uhr standen dann die zwei arabischen Herrn, die auch schon mit unglaublicher Ungeschicklichkeit die erste Lieferung erledigt hatten vor der Tür, um die defekte Waschmaschine abzuholen. Sie versuchten, die Waschmaschine wieder einzupacken. Nach verzweifelten 15 Minuten wurde die Maschine unverpackt runter getragen. Eine ungute Vorahnung ließ mich mit runter gehen. Das Gefühl trog nicht, sie hatten keine neue Maschine dabei. Ich versuchte nun, ihnen mit allen mir zur Kommunikation zur Verfügung stehenden Mitteln beizubringen, dass ohne eine neue Waschmaschine die alte hier bleiben würde. Da sie nur Arabisch konnten, scheiterte ich kläglich. Erst ein vorbeigehender Passant bot sich als Dolmetscher an und vermittelte den beiden, dass ohne Sicherheit die Maschine nicht aus dem Haus geht. Der Fahrer gab mir schließlich nach einigem hin und her seinen Führerschein als Pfand, was immer das wert sein mag.

Eine Stunde später waren sie tatsächlich mit einer anderen verpackten Waschmaschine wieder da. Nachdem sie in den dritten Stuck getragen war, gab ich dem Fahrer leichtsinnigerweise seinen Führerschein zurück und etwas Bakschisch, worauf sich dieser erleichtert verabschiedete und aus dem Staub machte. Als beim darauf folgenden Auspacken ein wenig Wasser aus der Maschine lief, wurde schnell klar, dass das keine neue Waschmaschine ist. Es fehlte auch die vordere Verblendung und ein Gummifuß. Beim Probewaschen tat sie immerhin ihren Job, wie sie sollte. Die Waschmaschine wusch die Wäsche, Hamdulillah. In dieser Nacht lief das gute Stück pausenlos, um den Wäscheberg rund um den Schutzwäschekorb abzutragen, der sich zwischenzeitlich angesammelt hatte.

Wir verfassten gleich am nächsten Tag eine Mail an Carrefour mit unserer Beschwerde und dem Hinweis, dass wir eine gebrauchte Waschmaschine nicht akzeptieren.

Das Autoreplay bestätigte den Eingang der Mail und drei Tage lang erfolgte keine Reaktion. Am vierten Tag hatte ich in meinem Postfach die Rückmeldung, dass der Empfänger die Mail ungelesen gelöscht hat. Am gleichen Tag rief Petra sichtlicht erbost wieder beim Carrefour-Kundendienst an. Die Essenz dieses ermüdenden Telefonats war, dass sich der Kundendienst um die Beschaffung der fehlenden Teile kümmern will.

Da die Maschine läuft, sie einigermaßen neu aussieht und ich die Wahrscheinlichkeit gegen Null einschätze, dass wir jemals diese Teile bekommen, werden wir aufgeben und dieses Erlebnis als ägyptisches Lehrgeld abbuchen. Ich habe die fehlenden Teile heute bei dem deutschen Kundendienst der Firma Beko bestellt. Im Sommer können wir die Teile mit nach Ägypten nehmen. Das nächste Gerät wird bei einem kleinen Händler gekauft, der im Garantiefall zu packen ist ...


© 2008-2009 Franz Murr