Lohn der Angst

Viel Gelegenheit zu schlafen gibt es nicht während des Fluges. Nach dem Ausstieg beginnt ein längerer Marsch durch den Flughafen von Dubai zu den Einreisekontrollen.

Dieser Flughafen ist zwar nicht der größte der Welt, der liegt nur wenige Kilometer südwestlich und wird zur Zeit "eingeflogen", dafür soll unser heutiger Flughafen aber den größten Dutyfree-Shop der Welt beherbergen, darunter tun es die Scheichs schließlich nicht. In diesen Dutyfree-Shops gibt es natürlich Unmengen an Goldschmuck, aber es  liegen ausgerechnet in diesem alkoholfeindlichen Land auch wahre Schätze, nämlich all die Bordeaux, die wir erst auf unserer letzten Weinreise im Frühjahr genauer kennen und lieben lernen konnten ...

Man merkt den Drang zum Luxus allein schon daran, dass im Flughafen nur Uhren von Rolex den Passagieren zeigen, was die Stunde geschlagen hat ...

Die Einreise verläuft unproblematisch, der Stempel wird in den Pass gedonnert, das Handgepäck wird durchleuchtet (diesmal ohne Schweizer Taschenmesser!). Das Gepäck erscheint in Rekordzeit auf dem Band und wird beim Verlassen auch noch mal durchleuchtet. Auffallend: An allen  Schaltern für die Einreise (und das sind wirklich viele) sitzen nur Männer in traditioneller arabischer Kleidung mit Kopfbedeckung, an den Durchleuchtungsgeräten nur Frauen (natürlich im Kopftuch eingewickelt).

Die Suche nach dem Mietwagenschalter beginnt, schon ist man eine Türe zu früh raus, da ein Flughafenangestellter an der Info behauptet, die Mietwagenagentur wäre draußen. Draußen erkennt man dann den Irrtum, doch an allen Eingangstüren steht groß "for authorized personal only". Das meinen die hier aber nicht so ernst, auf unsere Frage, wie man wieder rein kommt, schickt man uns einfach durch eine der Türen wieder zurück

Wir bekommen einen schneeweißen, ganz neuen (erst 72 km auf dem Kilometerzähler) Dodge Nitro mit Automatikschaltung. Wir ahnen es noch nicht, Nomen est Omen.

Man weist uns darauf hin, dass die Vollkaskoversicherung nur dann zahlen würde, wenn man einen Polizeibericht vom Unfall vorlegt. Auf die Frage, wie schnell man in der Stadt fahren darf, erfahren wir erstaunliches: Man solle nicht so schnell fahren, denn es gäbe viele Radarfallen, also solle man nicht schneller als 110 km/h im Ort fahren. Wir fragen zurück: 110 km/h in der Stadt? "Yes, yes!". Als wir der Dame am Schalter erklären, dass in Deutschland nur 50 km/h in den Städten vorgeschrieben sei, kann sie es kaum glauben: "that is really slow ...".

Für die mautpflichtigen Straßen gibt es einen Automaten im Auto, es gibt keine Mautstationen. Man fährt einfach, der Automat rechnet ab - mal abwarten, was dabei rauskommt.

Mit wenigen Handgriffen ist TomTom mit seiner Ansagerin Lisa eingebaut und wir fahren los: Zunächst ist noch alles unauffällig bis auf die Tatsache, dass hier Straßen wirklich viele breite Spuren haben. Zum Glück ist es noch keine 8 Uhr morgens und es ist auch hier Wochenende.

Die Automatik entpuppt sich als problematisch, denn auf Kick Down reagiert das Fahrzeug dermaßen verzögert, dass man sich durch Beschleunigen kaum aus kniffligen Verkehrssituationen ziehen kann. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher.

Mit jedem Kilometer wird klarer, dass hier eine Ansage wie Halten Sie sich links nicht wirklich weiterhilft, wenn sich die Fahrbahnen mit ihren Spuren mehrfach auffächern. Welches Links meint sie denn? Dann folgen Lisas erste Auflösungserscheinungen: Biegen Sie rechts ab, nur  gibt es weit und breit keine Straße nach rechts, ist noch nie dagewesen und scheint auch überhaupt nicht geplant zu sein. Kurze Zeit später: In 400 m wenden Sie. Nichts hört man lieber auf einer sechsspurigen Straße (in jeder Richtung), wenn sich zwischen den Fahrtrichtungen Betonmäuerchen oder Gräben befinden.

Immerhin: Wir sehen irgend wann den Burj Khalifa vor uns. Ca. 500 m vor dem Ziel meint Lisa Links halten und schon fahren wir am Schild Burj Khalifa vorbei, das eindeutig nach rechts zeigt. Wir landen mit Lisa an der Rückseite der Dubai Mall, dem größten Einkaufszentrum der Welt (was sonst?), rund 300 m vom Armani Hotel entfernt; dieses ist jedoch völlig unerreichbar in Anbetracht des Fahrspurverlaufs.

Wir fahren ein wenig weiter, um zu schauen, ob es irgend wie ein Durchkommen gibt. Fehlanzeige, Lisa kommandiert Fahren Sie geradeaus und erhöht die neue Entfernung zum Ziel mal eben wieder auf 7 km. Und das ist ernst gemeint: Man fährt also wieder Richtung Flughafen, um dann an irgend einem verschlungenen Knoten die Richtung zu wechseln. Etwas übernächtigt glaubt man kaum daran, in endlicher Zeit dieses Hotel zu erreichen. Wie zum Hohn sieht man ständig diesen Turm mal vor sich (gut), dann neben sich (beunruhigend), schließlich wieder hinter sich (furchtbar). Aber irgend wann erreichen wir wieder eine Strecke mit Beschilderung Burj Khalifa und lassen Lisa quaken, was sie will. Zum Glück ist in Dubai alles, aber wirklich auch alles in der Öffentlichkeit zweisprachig (arabisch/englisch) beschriftet.

Der übernächtigte Fahrer kann die finale Amokfahrt noch gerade einmal vermeiden, wir sind da: Das  Armani Hotel ist erreicht, wir fahren mit unserem Nitro vor - Lohn der Angst ..!

Sofort stürzen sich jede Menge hilfreicher Geister auf das Auto, öffnen die Türen zum Aussteigen und den Kofferraum. Man muss den Schlüssel abgeben, denn nur Personal darf in die Tiefgarage fahren. Der Koffer verschwindet so schnell, dass man gar nicht sieht wohin und das Handgepäck muss man ernsthaft verteidigen, will man es selbst tragen. Die Türen ins Foyer werden aufgerissen, spätestens hier merkt man: Das Armani Hotel tickt anders.

Wer eine Rezeption mit Portier erwartet, wird enttäuscht: Das Foyer ist mit riesigen dunklen Loungemöbeln ausgestattet, eine überaus freundliche blonde Dame in Armani Uniform (figurbetontes schwarzes Kleid mit raffinierter Raffung) begrüßt die Gäste und bittet uns auf einem der Sofas Platz zu nehmen. Wir geben ihr die Buchungsbestätigungen und sie bittet uns kurz zu warten. Bald darauf erscheint ein großer schlanker Herr im Anzug, begrüßt uns ebenfalls äußerst freundlich und stellt sich als unser "Lifestyle Manager" vor. Er teilt uns mit, dass das Zimmer erst in einer Stunde fertig sei, das wundert uns nicht, es ist ja schließlich erst kurz nach 8 Uhr morgens. Er will wissen, ob wir irgend welche Wüsche haben, will uns mal wieder des Handgepäcks entledigen  und muss herzlich lachen, als ich das verweigere und ihm klar mache, dass da alles drin sei, was ich zum Überleben brauche.

Wir werden nun in die Lounge geleitet: Alles ist in Sonne getaucht, wir finden ein halbschattiges Plätzchen. Bei Latte Macchiato und Wasser (auf Kosten des Hauses, wie sich später herausstellt) lassen wir noch einmal unsere Anreise Revue passieren. Mit der Kellnerin diskutieren wir über die Sonne, sie kann nicht verstehen, dass wir 30°C als heiß empfinden. Sie berichtet, dass diesen Sommer 60°C vor der Tür des Hotels gemessen wurden und sie ihre Zimmer nicht mehr verlassen konnte.

Ca. 90 Minuten später erscheint unser Lifestyle Manager, entschuldigt sich für die Wartezeit und bittet uns in unser Zimmer im 6. Stock. Im Armani Hotel hat man Zeit für ein Gespräch mit den Gästen: Er will wissen, ob es der erste Besuch sei, ob er irgend etwas für uns organisieren könne, warum man hierher gereist sei. Als wir ihm schließlich von der vierstündigen Reportage über das Burj Khalifa berichten, ist er beeindruckt, er hatte davon noch nichts gehört und offensichtlich auch nichts von den Dreharbeiten mitbekommen ...

Wir haben ein Zimmer mit Blick auf die weltgrößte (was sonst?) Springbrunnenanlage ihrer Art, die von 19:00 Uhr - 23:00 Uhr alle halbe Stunde eine eindrucksvolle Show mit Musikuntermalung bietet.

Unser Lifestyle-Manager erklärt alles in unseren Gemächern: Von der Nespresso-Maschine bis zu den Snacks und Getränken (alle alkoholfrei), die inklusiv seien usw. Selbstverständlich trägt hier jeder Zuckerwürfel und jeder Keks das Armani A als Logo, nur bei den Pralinen hat man sich auf simples Blattgold beschränkt ...

Da wir weder im Foyer noch in der Lounge, im Aufzug oder im Flur andere Gäste gesehen haben, fragen wir, ob gerade Nebensaison sei. Oh nein,  man ist ausgebucht, denn es ist  Eid. Eid? Wir gucken verständnislos und erfahren: Eid ist das höchste Fest der Muslime und ein Mittelding zwischen Thanksgiving und Weihnachten, bei dem man sich beschenkt, neu einkleidet und jede Menge Köstlichkeiten verspeist.

Aus diesem Grund ist das Hotel voll von überwiegend reichen Gästen aus Kuweit, Saudi Arabien und dem Rest der Welt. Aber immer wieder würden ihn Gäste darauf ansprechen, dass das Hotel leer wirkt.

Es muss wohl eine besondere Fügung gewesen sein, dass wir als ausgerechnet zur absoluten Hotelhochsaison das Zimmer bekommen haben, dazu noch eines mit Blick auf den Brunnen.

Wir erzählen dem Lifestyle Manager auch von unseren Autoerfahrungen, der schüttelt darauf nur den Kopf und meint, dass er hier nie Auto fahren würde, sondern immer nur Taxi, da es hier einfach viel zu schwierig sei, sich zurecht zu finden. Tja, ein Lifestyle Manager kennt sich halt aus ...

Dann klingelt es und unser Koffer wird herein gebracht, nie werden wir erfahren, wo er all die Stunden verbracht hat.

Nach der ausführlichen Einweisung sind wir fast erschlagen von all den Eindrücken. Wir packen aus und stellen Merkwürdiges fest: Dieses Hotel ist für Gäste konzipiert, die sicher mit mehr Gepäck reisen als Otto Normalverbraucher. Im Schrank hängen allerdings nur sechs Bügel, das ist nicht viel. Es passen aber auch nur sechs Bügel rein, da sie über eine Schulterbreite verfügen, bei der auch Jacketts der Klitschko-Brüder noch gepflegt hängen können. Die zahlreichen Schubladen sind zum großen Teil auch belegt, dort gibt es Hausschuhe, Wäschebeutel, Einkaufstaschen, Schuhputzzeug usw.

Sicher würde man eine hervorragende Lösung finden, wenn man nach mehr Stauraum fragte, aber vor dem dann zu erwartenden Service-Tsunami würden wir uns nach bisherigen Erfahrungen sehr hüten - wir kommen auch so zurecht ...


© 2012 Sixta Zerlauth