Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

  Russland 2008

Nach Murmansk ...


Mit Individualisten zum Ladoga See ...

Mit 10 Autos und 17 Personen ab Mitte Juni ´08 rund 6.500 Kilometer in drei Wochen durch 6 Länder: Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, Russland, Finnland - unter anderem vorbei an St. Petersburg und bis zum Ladoga See ...

Auf Nebenwegen bis zum Weißen Meer, den Polarkreis überqueren, durch Taiga und Tundra, in der Nähe von Schneeresten übernachten und dann auf nach Murmansk. Über die Grenze nach Finnland, die Mitternachtssonne am Inari See sehen, den Polarkreis in Rovaniemi überschreiten und dann 26 Stunden Seefahrt von Helsinki nach Rostock ...

Wir waren mit Sicherheit die erste Reisegruppe, die ohne russischen Scout, ohne Hotel-Voucher und sonstige Auflagen frei durch Russland fahren und überall übernachten durften, wo es uns gefiel.

Kein Autokennzeichen gab es doppelt: Von Bayern bis Niedersachen setzte sich die Gruppe ganz unterschiedlich zusammen. Individualisten, die sich für diese Reise zu einem Team zusammengefunden hatten - herrlich, die unterschiedlichen Mundarten und Redewendungen ... 

Auf der Tour durch Polen hatten wir erst einmal die berühmte Marienburg besucht, waren durch die Masuren gefahren und hatten mit einem polnischen Minister einen Wodka getrunken. Auf rascher Fahrt ging es dann durch Litauen und Lettland: Zwei Länder, die von der Landschaft her viel Ähnlichkeit mit Südschweden haben. 

Bis zur russischen Grenze konnten wir ohne Ausweis fahren. An der Grenze zu Russland dann 6 Stunden Wartezeit. Wir rechneten: Circa eine Dreiviertelstunde dauerte vor uns die Abfertigung eines PKW - da müssten wir uns bei 10 Fahrzeugen auf 8 Stunden einstellen! Mit ein paar höflichen Worten, dem Hinweis auf eine Gruppe und dem Verständnis der russischen Grenzbeamten durften wir schließlich in zwei Gruppen zu je 5 Autos in die Abfertigung einfahren. 

War das ein Durcheinander: Hier ein Stempel, dort ein Formular, hier Papiere vorzeigen und dort eine Gebühr bezahlen. Irgendwie hatte das dann aber bei jedem Fahrzeug sehr gut geklappt. Wohl auch, weil wir nichts, aber auch gar nichts verheimlicht und keine Dinge im Auto hatten, die nicht erlaubt waren. Kurzum - nach zweieinhalb Stunden waren wir alle in Russland ...

Nun war es nicht mehr 22:00 Uhr wie bei uns zu Hause, sondern schon Mitternacht. Einigermaßen erschöpft von der Aufregung hatten wir am grenznahen Hotel nachgefragt und durften dort für eine geringe Gebühr auf dem bewachten Parkplatz übernachten - wir bekamen sogar noch eine Soljanka Suppe und ein warmes Bier. 

Nachdem wir St. Petersburg großräumig umfahren hatten, kamen wir an den Ladoga See, den zweitgrößten See Europas mit einer Länge von 120 km und einer Breite von 60 km. Nach dem Abbiegen von der Hauptstraße fanden wir im Wald einen Platz mit Sandstrand direkt am Wasser: Traumhaft!

Unsere Autos standen nur 20 Meter vom Ufer entfernt und wenn man aus dem Dachzelt schaute, blickte man bis zum Horizont auf das Wasser ... 
      

    
Auf Nebenwegen Richtung Norden ...

Am Ende des Ostufers ging es Richtung Norden: Auf einsamsten, unbefestigten Nebenwegen kamen wir zu entlegenen Ortschaften, die fast alle idyllisch an kleinen Seen oder Flussufern lagen. Staketzaun, ein kleines Holzhaus, ein paar angelegte Beete, ein Schuppen und auch mal ein Haustier. 

Vor einem Haus saß ein alter Mann, vermutlich nicht ganz nüchtern, und in der Ortsmitte erblickten wir eine ältere Frau, die mit einem Eimer Wasser aus dem zentralen Brunnen holte. Ansonsten war kein Mensch zu sehen. Bei genauerem Hinsehen konnte man jedoch feststellen, dass mindestens die Hälfte der Häuser leer standen und dem Verfall preisgegeben waren: Es gibt hier keine Arbeit, die jungen Leute zieht es in die Stadt und nur noch die "Alten" harren aus ...

Und dennoch gab es ein "Magazin": Einen Einkaufsladen auf 20 qm in einer Baracke. Die Verkäuferin hatte noch nie Deutsche gesehen und war bei dem Ansturm von 17 Einkaufswütigen zunächst verunsichert. Es gab dort in dem entlegenen Dorfladen alles, was der Mensch zum Leben benötigt: Brot, Wasser, Bier, Wodka, Gemüse, Kuchen, Haarwaschmittel, Mückenspray und Vorhängeschlösser. 

Und dann stand da plötzlich ein Uniformierter: Grüßte höflich, aber mit ernstem Gesicht und erkundigte sich bei unserem Scout über die Gruppe und unser nächstes Reiseziel. Es war zu vermuten, dass es für ihn keine Überraschung war, in diesem Ort die Gruppe "Deutsche" zu treffen. Wir durften fahren, wohin wir wollten ... 

Der Uniformierte half uns bei der Suche nach einer Tankmöglichkeit, denn die Tankstelle, die auf unserer Karte eingezeichnet war, die gab es schon lange nicht mehr. Am Ende wünschte er uns noch gute Fahrt und man konnte ein Lächeln auf seinem Gesicht beobachten. Auch er hatte noch nie Deutsche gesehen und schon gar nicht so viele "westliche" Geländewagen. 

Auf unserer Route fuhren wir nicht rechts, sondern dort, wo die Schlaglöcher am erträglichsten waren. Unsere 10 Autos hatten das tägliche Verkehrsaufkommen um 100% erhöht. Wunderschöne Landschaften, wenige Ortschaften und viel Einsamkeit.

Plötzlich erreichten wir einen holzverarbeitenden Betrieb: An den dort lagernden Stämmen konnte man erkennen, dass hier nicht mehr produziert wurde. Eine Frau ging am Ende der Straße entlang und verschwand in einem der Plattenbauten, die leer standen. Nur wenige Menschen, die wohl auf einen Aufschwung hofften, waren noch hier geblieben. Die Trostlosigkeit in solchen Orten führt sehr häufig zu unkontrolliertem Alkoholkonsum ...

Ein vernünftiges GPS konnte kaum eingesetzt werden, weil die von uns gewählten kleinen Straßen nicht verzeichnet waren. Die Karten sind eher ungenau: So mussten wir uns oft nach der Himmelsrichtung orientieren oder nach dem Weg fragen. Eine Umleitung in diesem Gebiet kann schon mal 57 Kilometer betragen.

Aber die asphaltierte Straße, die auf unserer Karte eingezeichnet war, gab es auch tatsächlich: Nach 3 Kilometern eine Bushaltestelle, jedoch nach weiteren 3 Kilometern war die Straße am Flussufer dann zu Ende. Vermutlich hat man die geplante Brücke einfach nicht gebaut. Passiert hier eben. Wenden und zurück. Für uns kein Problem ... 

Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz mussten wir einen Fluss überqueren: Eigentlich ja nichts Besonderes. Die vorhandene Brücke war aber eine schwimmende Pontonbrücke, an die man ein paar Balken anlegt. Ein Erlebnis erster Güte. Eine Hängebrücke für Fußgänger über einen Fluss oder Kanal gehört hier zum Alltag. Ebenso die Tatsache, dass man sich in ein Ruderboot setzt und ans andere Ufer rudert, um seinen Einkauf im Magazin zu erledigen.

Alle anderen Brücken, über die wir fuhren, hatten wir eher oberflächlich in Augenschein genommen. Besser man sieht nicht nach unten und sieht nicht das Wasser zwischen den fehlenden oder morschen Bohlen ...

Unser Ausflug an die Küste des Weißen Meeres war eher ein Erlebnis der unangenehmen Art: Verschrottungsindustrie, wohin man sah. Dreckig, ungepflegt, verfallen, vergessen. So könnte man die Stadt betiteln. Und die Küste war Müll. Kein Strand, keine badenden Menschen. Kein Strandcafé, wie wir es uns für unsere Mittagspause vorgestellt hatten. 180 Grad Wende und schnell wieder weg. 

Weiter Richtung Norden: Von jetzt an gab es für uns nur noch die M 18 - die Hauptstraße nach Murmansk. Rechts und links dieser Straße gab es nur noch wenige Nebenwege, die aber immer irgendwo im Nichts endeten. 

Die M 18 ist eine Legende: Es reiht sich Schlagloch an Schlagloch. 10, 20 oder auch mal 30 cm tief und in unterschiedlicher Breite. Mitunter über ein paar Kilometer. Dann war Tempo 20 km/h angesagt. Die Einheimischen nahmen das allerdings nicht so genau und rasten mit sicherlich 80 km/h an uns vorbei ...

Wir erreichen das "Owo" vom Polarkreis: Ein Stein und viele kleine Fähnchen, die die Besucher an die Büsche gebunden haben. Wir machten ein Gruppenfoto mit Krimsekt. 

Dann lagen schneebedeckte Berge vor uns: An einem Fluss fanden wir einen Platz für unser Camp und genossen bei sinkenden Temperaturen dieses Panorama. Ein Abstecher in die Bergregion der Halbinsel Kola blieb uns verwehrt: Die Straße war nach Auskunft einiger Bewohner nicht befahrbar. Wir wollten kein Risiko eingehen und verzichteten auf diesen Abstecher.

Ankunft in Murmansk ...

Auf dem ersten Schild, das wir zu Beginn der Reise entdeckt hatten, stand noch "MURMANSK 1259 KM" - und nun waren wir da. Auf eine große Stadtrundfahrt verzichteten wir: Mit 10 Autos und vielen Ampeln wäre das wirklich kein Vergnügen gewesen. 

Uns zog es mehr zu den Fischerinseln nordwestlich von Murmansk, direkt in der Barentsee. Doch dann standen wir vor einer Militärkontrolle: Vor uns war Sperrgebiet. Der Soldat entschuldigte sich und erklärte, dass wir zwar unsere Route fortsetzen könnten und dürften, die Fischerinseln aber gesperrt wären. Man kann eben nicht alles vom grünen Tisch aus planen ...

Vor Jahren hätte vermutlich nicht mal ein Kamerateam von einem Fernsehsender eine Drehgenehmigung bekommen. Jetzt fuhren wir unmittelbar an den Kasernen und militärischen Anlagen vorbei. Sahen Trainingsplätze, Panzer, LKW und viele andere Dinge. Das Fotografierverbot war allerdings allgegenwärtig. 

Vorbei an der Stadt Nikel, in der Nickel abgebaut wird, erreichten wir die Grenze zu Finnland. 

Wenige Autos nur, die hier durch die Abfertigung fuhren. Wieder ein paar Formulare, ein Stempel und die Sichtkontrolle an und in den Autos. Eine Teilnehmerin, die auf einem Lammfell saß, wurde gefragt, ob das Fell ein "White Bear" sei. In der Aufregung hatte die Teilnehmerin statt "Bear" "Bier" verstanden und erklärte beim Öffnen der Kühlbox, dass sie 12 Stück davon hätte. Der verdutzte Beamte holte unseren Dolmetscher zu Hilfe und dann wurde das Missverständnis unter allgemeinem Gelächter aufgeklärt: Auch das kann an einer russischen Grenze passieren ...

Selbst für den finnischen Zoll war unsere Abfertigung eine willkommene Abwechslung: Wir waren wieder in der EU und mussten nun wieder mit dem Euro bezahlen: Statt 75 Cent pro Liter Sprit jetzt 1, 49 EUR. Und das war, wie wir später erfuhren, noch wenig im Vergleich zu Deutschland. Nach zwei Wochen waschen und baden in Seen und dem Toilettengang hinter Büschen waren wir jetzt doch froh, den Campingplatz am Inari See erreicht zu haben.

Ironie des Schicksals: Jetzt wo wir auf einer normalen Toilettenschüssel sitzen konnten und beide Hände zur Abwehr der Mücken frei hatten - jetzt waren keine da. Es gab wohl keinen Teilnehmer, der normalerweise nach dem Toilettengang nicht am Po von Mücken zerstochen war.

Nach dem Baderitual sahen wir uns das blamable Endspiel der EM in finnischer Sprache an und beobachteten danach am Ufer des Inari die nicht untergehende Sonne. Bei hellstem Sonnenschein gingen wir gegen 1:45 Uhr ins Bett: Das allerdings nicht etwa wegen unserer Müdigkeit, sondern weil die Uhrzeit es uns sagte - die Sonne hält wach und macht munter. Wie traurig mag es dann aber sein, wenn im Winter die Sonne überhaupt nicht aufgeht ..?

Der Rest ist schnell berichtet: In Rovaniemi das Polarkreismuseum und Touristenzentrum Arktikum besucht, an einem Tag mehr Geld ausgegeben als in zwei Wochen in Russland. Einen Rentierzüchter besucht und dann immer weiter Richtung Süden nach Helsinki. 26 Stunden auf dem Schiff, um 22:00 Uhr Ankunft in Rostock und um 3:00 Uhr in der Nacht wieder zu Hause: Wow, war dat ´ne Tour ..!

Und am 28. August 2009 geht unsere nächste Erkundungsreise für zwei Wochen durch die Ukraine und zur Halbinsel Krim ...


© 2008 Claus Ruhe, outdoor-offroad.de

    

Anm. der Red.: Ein weiterer Bericht von Claus Ruhe führt uns nach Albanien:


Mitteilung an das Explorer Team